Tag des Friedens am Platz des europäischen Versprechens

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg

Namen auf dem Platz des euro­päi­schen Ver­spre­chens | Foto Lutz Leit­mann, Stadt BO

1931 wur­de im Turm der Chris­tus­kir­che Bochum eine Gedenk­hal­le ein­ge­rich­tet. In ihr sind die Namen von 1358 Bochu­mern gelis­tet, die im Ers­ten Welt­krieg gefal­len sind. Jeder Name ist Buch­sta­be für Buch­sta­be in ein gol­de­nes Mosa­ik gelegt. Wenn man die vie­len Namen liest, kann man Euro­pa in ihnen hören: Man­che klin­gen fran­zö­sisch, ande­re rus­sisch, jeder drit­te Name  —  hier ist Ruhr­ge­biet  —  klingt pol­nisch. Neben den Bochu­mer Namen eine zwei­te Lis­te, auf ihr die Namen von 28 Staa­ten  —  den „Feind­staa­ten Deutsch­lands“.  Auch sie, die Namen der „Fein­de“, sind auf­wän­dig in Mosa­ik gelegt. Ein Zei­chen der Ver­söh­nung? Ein Hin­weis auf das Lei­den der Men­schen dort? Oder eher ein Appell, es denen dort dem­nächst heim­zu­zah­len? 1931 wur­de die­ser Gedenk­raum ein­ge­weiht, acht Jah­re spä­ter begann der nächs­te Krieg.

Heu­te beginnt hier, in die­sem pre­kä­ren Raum, der Platz des euro­päi­schen Ver­spre­chens. Der Platz ist eine Ein­la­dung, Euro­pa ein per­sön­li­ches Ver­spre­chen zu geben. Die Ver­spre­chen sind still, sie sind nicht ver­öf­fent­licht. An ihrer statt sind die Namen von allen, die ein Ver­spre­chen gege­ben haben, in den Stein­bo­den des Plat­zes geschrie­ben:

Das Kunst­pro­jekt von JOCHEN GERZ, von der Chris­tus­kir­che Bochum zusam­men mit der Stadt Bochum getra­gen, lief von 2007 bis 2015. Ein­ge­la­den waren alle, die sich als Euro­pä­er in Euro­pa ver­ste­hen, die Ein­la­dung wur­de euro­pa­weit gestreut. Im Dezem­ber 2015 konn­te der Platz  —  3000 qm groß, er umfließt die Chris­tus­kir­che  —  der Öffent­lich­keit über­ge­ben wer­den, gebaut ist er aus ins­ge­samt 14 726 Namen.

Und wie­der gilt: Wer die Namen liest, kann Euro­pa in ihnen hören. Kann sich sel­ber eine Vor­stel­lung geben von dem, was ande­re Euro­pa ver­spro­chen haben mögen. JOCHEN GERZ, inter­na­tio­nal hoch ange­se­he­ner Künst­ler, er ist der Ide­en­ge­ber des Plat­zes:

„Euro­pa spricht nicht mit einer Stim­me, son­dern mit vie­len. Die Tole­ranz hat vie­le Stim­men.“

Was ist Tole­ranz? Die Fähig­keit, sich vor­zu­stel­len, was mit dem ande­ren ist. Nichts beschreibt Euro­pa bes­ser als die­ser Satz.


Am 1. Sep­tem­ber vor 80 Jah­ren begann der Zwei­te Welt­krieg, er begann mit dem Über­fall auf Polen.

Vie­ler­orts wird die­ses Jah­res­ta­ges gedacht: Bereits am 31. August wer­den in einem öku­me­ni­schen Gedenk­got­tes­dienst in War­schau Deut­sche und Polen gemein­sam an den Kriegs­be­ginn erin­nern. Die Pre­digt hal­ten die stell­ver­tre­ten­de EKD-Rats­vor­sit­zen­de Dr. h.c. Annet­te Kur­schus, zugleich Prä­ses der Evan­ge­li­schen Kir­che von West­fa­len, sowie der Prä­si­dent des Pol­ni­schen Öku­me­ni­schen Rates, Bischof Jer­zy Sami­ec. Tags dar­auf – am 1. Sep­tem­ber – nimmt Frank-Wal­ter Stein­mei­er auf Ein­la­dung des pol­ni­schen Staats­prä­si­den­ten Andrzej Duda an der offi­zi­el­len Gedenk­ver­an­stal­tung in War­schau teil.

Prä­ses Kur­schus wie­der­um wird nach Bochum rei­sen und hier, nach einem Emp­fang im Rat­haus der Stadt, das Kon­zert mit dem pol­ni­schen Trio KROKE eröff­nen. Kur­schus:

80 Jah­re liegt der deut­sche Über­fall auf Polen zurück und mit ihm der Beginn des Zwei­ten Welt­kriegs. Unsäg­li­ches Leid ist damals von unse­rem Land aus­ge­gan­gen. Wir beken­nen uns offen und auf­rich­tig zu die­ser Schuld­ge­schich­te und eben­so zur Ver­ant­wor­tung, die uns dar­aus zuwächst.

Nach den Jah­ren der Gewalt, des Lei­dens und des Schwei­gens auf bei­den Sei­ten bin ich dank­bar für die Schrit­te der Ver­söh­nung, die wir auf­ein­an­der zu und gemein­sam mit unse­ren pol­ni­schen Nach­barn gehen durf­ten. Das ist alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich.

In der Geschich­te der Polen in Deutsch­land hat Bochum eine beson­de­re Rol­le gespielt: Seit den 80er und 90er Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts hat­te sich hier ein Zen­trum der Polen­be­we­gung ent­wi­ckelt, das bis zum Zwei­ten Welt­krieg Bestand haben soll­te. Die­ses Zen­trum, im Volks­mund in „Klein War­schau“ genannt, bil­de­te sich unmit­tel­bar nörd­lich der 1879 ein­ge­weih­ten Chris­tus­kir­che. Heu­te ist die­ser Geschich­te wegen die „Por­ta Polo­ni­ca Doku­men­ta­ti­ons­stel­le zur Kul­tur und Geschich­te der Polen in Deutsch­land“ in Bochum ange­sie­delt.

In West­fa­len wird zahl­rei­che wei­te­re Gedenk­ver­an­stal­tun­gen geben. Die West­fä­li­sche Lan­des­kir­che hat eine Aus­wahl von Got­tes­diens­ten, Kon­zer­ten und Frie­dens­fes­ten zusam­men­ge­stellt, dazu ein State­ment des west­fä­li­schen Frie­dens­be­auf­trag­ten Hei­ner Mon­ta­nus, Super­in­ten­dent im Nach­bar­kir­chen­kreis Gel­sen­kir­chen, sowie wei­te­re Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Mate­ria­li­en:

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