Otto Freundlich: Kopf 1925/2010 (c) Staatliche Museen zu Berlin 2010

597 Namen. Es sind die Namen von Bochumer Bürgern, 318 Frauen und 279 Männer, darunter 74 Kinder und Jugendliche.* Sie wurden, weil sie jüdische Bochumer waren, zwischen 1942 und 1944 aus Bochum verschleppt und in den Ghettos und Lagern der Nazis ermordet  –  in Auschwitz, Bergen-Belsen und Buchenwald, in Chelmo, Dachau und Lodz, in Majdanek, Mauthausen und Minsk, in Riga, Sobibor und Zamosc. 75 Jahre nach der Befreiung der Lager erinnert der Rat der Stadt an das, was Bochumer Bürgern von Bochumer Bürgern angetan worden ist: Die kommende Ratssitzung, teilte die Stadt jetzt mit, werde damit eröffnet, dass der Rat die 597 Namen der ermordeten Bürger Bochums liest und hört. An dem Ort, der Bochums Bürgerschaft heute repräsentiert.

Wir hatten eine solche Lesung im vergangenen Jahr vorgeschlagen, als die Namen Weiterlesen  wie jedes Jahr zum 27. Januar in der Synagoge genannt wurden, der Rat hat den Vorschlag aufgegriffen. Es ist eine elementare Form, Erinnerung ohne pädagogischen Gestus in die Gegenwart zu holen. Eine Gegenwart, in der es erneut zum Risiko geworden ist, sich als Jude zu erkennen zu geben; in der “Du Jude“ zu einem Schimpfwort geworden ist, zu einer Markierung, wie der Gelbe Stern eine war.

In dieser Situation erklärt der Bochumer Rat, indem er die Namen liest, dass es keine „die Juden“ waren, die in den Tod geschickt worden sind, sondern Bochumer wie du und ich. Niemand, der „aus Bochum“ kam, sondern Bochumer, die jüdisch waren. Keine fremden, sondern freie Bürger. Wir haben uns selber deportiert.

Postkarte Bochum 1903; DIe Synagoge (nicht deutlich zu erkennen) mitten in der Stadt | (c) Frank Dengler

So die 597 Namen hören. Etwa den von Otto Ruer, bis 1933 Oberbürgermeister der Stadt, dann von seinem eigenen Magistrat in den Tod getrieben. Der Ratssaal, in dem Otto Ruer erinnert wird, wurde während seiner Amtszeit gebaut, gelesen werden die Namen nun von Oberbürgermeister Thomas Eiskirch (SPD) sowie den drei Bürgermeisterinnen Astrid Platzmann-Scholten (Grüne), Erika Stahl (CDU) und Gabriela Schäfer (SPD).

Dr. Otto Ruer, Bochumer OB 1925 - 1933

Die Ratssitzung am Donnerstag, 30. Januar ist eine reguläre, also auch öffentliche, sie fällt in die Woche, in der sich der 27. Januar  –  Tag der Befreiung von Auschwitz  –  zum 75. Mal jährt: Als internationaler Gedenktag steht der 27. Januar für die Befreiung Tausender Lager und Ghettos überall in Europa. In Bochum steht der Tag zugleich für die Erinnerung an die Deportation Bochumer Bürger in die Nazi-Lager: Am 27. Januar 1942 waren zahlreiche Bochumer, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, von ihrer Stadtverwaltung in Güterwaggons gezwungen und vom Nordbahnhof aus nach Riga verschleppt worden.

Riga Ghetto by Laima Gutmane 2014 (cc)

Die 597 Namen, die jetzt gelesen werden, sind nicht die Namen aller Bochumer, die ermordet worden sind, viele Namen sind bis heute nicht bekannt. Auch an sie, die namentlich nicht Genannten, will der Stadtrat erinnern und  –  so hatte es OB Eiskirch vor zwei Jahren am 27. Januar in der Christuskirche formuliert  –  „an alle, die Hilfe geleistet haben und Widerstand. Die nicht mitgelaufen sind und nicht mitgesungen haben. Wir erinnern an alle, die eigensinnig geblieben sind.”

 

*   Gedenkbuch. Opfer der Shoa aus Bochum und Wattenscheid. Hrsg. von Manfred Keller, Hubert Schneider und Johannes Volker Wagner. Bochum 2000 [im Stadtarchiv erhältlich, 5 €]