Geht doch: Schloss mit Laterne | Foto thw August 2018

Gestern wurde dem Retro-Schloss in Berlin, neudeutsch Humboldt-Forum, eine Laterne aufgesetzt, so nennt man die rund 12 m hohe Krönung des 644 Millionen schweren Ideenbaus. Ich hätte da  –  siehe Foto, es stammt aus dem Sommer 2018  –  einen Vorschlag gehabt. Die andere Laterne  –  die mit dem Kreuz obendrauf  –   wurde dann aber wie Märklin nachgebaut. 2018 war solche Bastelei noch irgendwie hingenommen worden: Wenn Retro-Schloss dann Retro-Kreuz, so etwa die Überlegung, das Kreuz sei Ornament wie ein Schnörkel am Gesims. Und die Kirchen?

Haben das Nichtkreuz-Kreuz auf dem Nichtschloss-Schloss mit keinem vollen Herzen und keinen guten Argumenten, aber dennoch „begrüßt“. Die evangelische Kirche erklärte 2018, auf so einer Kuppel sei das Kreuz „kein Herrschaftszeichen, sondern ein Anstoß, über Religion nachzudenken“. Wenn‘s sonst keiner tut. Als stünde dem Schloss und seinem reaktionären Gestus nicht der Berliner Dom direkt anbei, ein ästhetischer wie theologischer Kompagnon, dem man zutrauen darf, dass auch er genügend „Anstoß“ bietet, einmal nachzudenken über Religion. Über Fragen wie: Wenn Gott wohnte, dann eher im Schloss, im Dom oder im Plattenbau?

Kreuz links, Kreuz rechts: Postkartenansicht um 1900 | (cc) Gryffindor

Auf beiden Seiten der Straße  –  das ist die Crux des Humboldt-Forums und war schon immer die des Doms  –  passen Form und Inhalt partout nicht zusammen: Das Kreuz auf der Kuppel ist eben kein Karabiner, mit dem sich weltliche Macht und göttliche Autorität verhaken ließen, biblisch gelesen bedeutet das Kreuz das Gegenteil, es war Strafe für den, der die Autorität der Staatsmacht relativiert. Aufs Schloss jedenfalls passt das Kreuz so wenig wie auf den goldlackierten Dom oder, das hat andere Gründe, auf die dritte Kuppel im Quartier, die des Bundestages. Eigentlich gehörte es unter die Erde.

Dahin, wo man  –  auf kurzem Wege zwischen Schloss und Dom und Bundestag  –  vor zehn Jahren elf Skulpturen der Klassischen Moderne geborgen hat, Werke von Otto Freundlich, Emy Roeder, Edwin Scharff ua, die von den Nazi beschlagnahmt und ab 1937 als „Entartete Kunst“ ausgestellt worden waren. Nach 1945 galten ihre Werke als verschollen, heute offenbaren sie, was der Boden birgt, auf dem wir stehen. Und dass sich, überall in Europa, die Erinnerung öffnen kann, sobald man eine Straße umpflügt.

Für einen solchen „Anstoß“ braucht es keine Kunstclowns wie die vom Zentrum für politische Blödheit, es braucht keine Kreuze auf Kuppeln, die tun, als seien sie eine Standleitung ins Göttliche. Sie wurden trotzdem aufgepflanzt: das eine Kreuz  –  es war bereits 2008  –  dem Dom-Monstrum hier, das andere dem Schloss-Monstrum dort. “Unter diesem Kreuz”, so erklärte der damalige Landesbischof Wolfgang Huber 2008 das Kreuz auf dem Dom, “setzen sich Menschen dafür ein, dass Barmherzigkeit, Mitgefühl und Toleranz in unserer Stadt und in den Herzen der Berlinerinnen und Berliner zu Hause sind. Das Kreuz auf der Domkuppel Berlins ist ein Versprechen für die Stadt!”

Und das Kreuz gegenüber? Hat eine Gebrauchsanweisung dabei. Die man ebenfalls als ein Versprechen lesen kann, es klingt ein wenig anders, das hat vor mehr als einem Jahr Laura Goldenbaum in KUNST & KIRCHE 2/2019 öffentlich gemacht und detailliert erläutert, was „Laterne“ und „Rekonstruktion“ des Schlosses tatsächlich meinen: dass einem in 34 cm hohen goldgefassten Lettern, unterhalb des Kreuzes rundumlaufend eingebracht, erklärt wird, dass über der Staatsmacht „kein ander Heil“ sei. Außer „der Name Jesu“. Weswegen alle „im Himmel und auf Erden und“  –  siehe Otto Freundlich, 1943 im KZ ermordet  –  „unter der Erde“ ihr Knie zu beugen hätten.

Edwin Scharff: Bildnis der Anni Mewes, 2008 geborgen | Staatliche Museen zu Berlin SMB (C)

Beugen vor wem, vor Gott, vor Jesus, dem König, dem Staat? Oder ist das egal, Hauptsache knien? Johann-Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, stellt das Kreuz auf dem Schloss  –  nicht das auf dem Dom  –  in den Kontext der Debatte um Achille Mbembe und die blinden Flecke des Post-Kolonialismus, eine Debatte, die wir von hier aus zusammen mit den Ruhrbaronen ausgelöst hatten: “Das Thema ist dran”, so Claussen, “und es wird nur zum Thema, indem der Widerspruch auch sichtbar wird. Und wo würde der Widerspruch sichtbarer als in diesem Schloss, Nicht-Schloss.”

Kreuz, Nicht-Kreuz? Das eine gut, das andere weniger? So oder so, die Kuppelkreuze sind Zwillinge, was re-inszeniert wird ist Autoritätsfrömmigkeit im Format 1:1. Ohne einen Hauch kritischer Distanz, nirgends wird irgendein Widerspruch sichtbar. Auch die Bibelverse  –  es sind zwei, die der preußische König höchstselbst verrührt hat  –  treten der altneuen Autoritätsliebelei nicht erkennbar entgegen, obwohl sie eigentlich  –  das hat den Hohenzollern kein Hofprediger erklärt  –  das Gegenteil bedeuten: Beide Verse sind nicht aus der Position der Macht formuliert, der eine  –  Apostelgeschichte 4  –  ein innerjüdischer Disput, der andere  –  Philipper 2  –  die heikle Empfehlung an eine kleine Gemeinde in den Weiten des römischen Reiches, das Knie eben nicht vor dem Kaiser zu beugen, sondern vor dem, der einem Staatsverbrechen zum Opfer fiel.

Warum da  –  Andreas Nachama hat das jetzt in der Jüdischen Allgemeinen gefragt  –  so gar kein Protest komme von den Kirchen? Gute Frage, sie geht an alle Demokraten. Zumal das Retro-Schloss längst eine schöne Laterne hat, sie krönt den Bau, steht aber auf der Straße, damit sich niemand vorm Schloss die Knie aufschürft.

+ + +

Beitrag für RUHRBARONE.de, hier leicht verändert

+ + +

IM GEDENKEN AN OTTO | Das hätte kein Komiker besser erdacht: Der Reichsapfel, der das Kreuz “trägt”, trägt eine “eine nicht ganz historische Inschrift”, wie die SZ heute, 4. Juni, berichtet, nämlich “Im Gedenken an meinen Mann Werner A. Otto 1909 – 2011. Inga Maren Otto”. Sie, I.M. Otto, hatte die 1 Mio zugeschossen, die es brauchte, sich selber und ihren Mann direkt hinter Jesus einzureihen.