Denkstein für Dieter Nuhr, Münchenhausen-Preis Bogerhausen | (cc) Axel Hindemith

Ein Shitstorm, der ihm gelte, sei „die humane Variante des Pogroms“, hat Dieter Nuhr, Kabarettist, kürzlich erklärt: „Human, weil ja nix passiert. Es geht ja nur um Psychologie …“ Dazu eine Notiz von Imre Kertesz, dem 2016 verstorbenen Literaturnobelpreisträger, er erinnert eine Szene in Budapest Ende der 30er Jahre, der neunjährige Imre und sein Vater sind auf dem Weg nach Hause, da „hielt mein Vater plötzlich inne und bedeutete mir, still zu sein. Vom Ring her war unverständliches Gebrüll zu hören. Mein Vater sagte, wir könnten diesmal nicht wie gewohnt, sondern nur auf Umwegen nach Hause gehen. Fast rennend führte er mich durch dunkle Nebenstraßen, ich wusste nicht einmal, wo wir waren. Das Gebrüll blieb langsam hinter uns zurück. Mein Vater erklärte, dass im nahegelegenen Kino der deutsche Film JUD SÜSS gespielt werde und dass die aus dem Kino strömende Menge dann Juden unter den Passanten suche und Pogrome veranstalte. Gerade er, mit seinem schönen dichten schwarzen Haar und seinem ein wenig orientalischen Gesicht, hätte leicht in den Verdacht kommen können, tatsächlich das zu sein, was er war: Jude. Ich mochte damals neun Jahre alt gewesen sein und hatte das Wort ‚Pogrom‘ noch nie gehört. Ich fragte meinen Vater, was das sei. Er konnte es nicht besonders gut erklären. Vielleicht wollte er auch nicht. Doch was das Wort bedeutet, verrieten mir seine zitternden Hände …“

Potsdamer Straße, Berlin, am Morgen danach | aus Ch. Kreutzmüller, B. Weigel, Kristallnacht, Berlin 2013 | cc 2.0 Magnus Manske

1944 wurde Imre Kertesz nach Auschwitz verschleppt, er hat die Lager überlebt, sein Vater wurde ermordet. Dieter Nuhr im Interview mit Alfred Schier auf Phoenix:

“Der Shitstorm ist ja quasi, hab ich neulich gesagt und ich fand die Formulierung wirklich lustig und gut, die humane Variante des Pogroms. Human, weil ja nix passiert. Es geht ja nur um Psychologie, es passiert kein körperlicher Schaden. Aber die Funktionsweise ist ja dieselbe. Menschen versammeln sich, nur nicht mit Fackel und Mistgabel in der Hand, sondern mit der Tastatur, und versuchen, psychologisch jemanden zu überwältigen.”

Die Anweisung an Imre Kertesz, sich zum Transport nach Auschwitz einzufinden, wurde in eine Tastatur getippt. Die Szene vorher  –  der Neunjährige mit seinem Vater in den Straßen von Budapest, in denen, mit Nuhr gesprochen, “nix passiert”  –  hat Kertesz 1998 in der ZEIT veröffentlicht, 1999 bei Rowohlt und 2007 im Transit Buchverlag, Berlin, Titel des Bandes: „Opfer und Henker“.  

Christoph Kreutzmüller hat in dem Buch „Kristallnacht?“ Augenzeugenberichte und Fotos  –  eines haben wir oben abgebildet  –  des landesweiten Pogroms 1938 in Deutschland dokumentiert, im Interview mit der BZ sagt er:

„Man muss sich das fast ein bisschen vorstellen wie ein Event. Selbst alte Frauen gingen am Abend auf die Straße und nahmen sich Dinge aus den zerstörten Auslagen jüdischer Geschäfte. Viele waren enthemmt und vergaßen jegliche Moral.“

Einen Shitstorm gab es für Dieter Nuhr und seinen Vergleich von sich mit dem neunjährigen Imre Kertesz nicht, aber solide Kritik, das Redaktionsnetz Deutschland (RND) hat einen ersten Überblick gegeben. Zurückgenommen hat Nuhr seine lustige Formulierung bisher nicht, es bleibt  –  auch ihm selber  –  zu wünschen.

 

Gedenktafel für Imre Kertesz in Egerben/Eger | cc 4.0. by Rakas