Geschichte

 

“Gottesfurcht, Vaterlandsliebe, Gehorsam” | 1879

 

Stadtarchiv

Stadtarchiv

Ende des 19. Jahrhunderts. Bochum wächst zur Großstadt heran, für die Evangelische Kirche wird es “ein Gebot der Noth”, eine Stadtkirche zu bauen. Ihr Bauplatz liegt unmittelbar neben dem Bochumer Verein, dem zweitgrößten Stahlwerk im Reich. Mit ihrem “hochaufstrebenden Turm” behauptet sich die neue Hauptkirche gegen die Schlote nebenan:

“Hier wird das Gemüth emporgehoben über den Staub und die Interessen des Irdischen”

heißt es zur Grundsteinlegung im Mai 1877. In den Grundstein selber wird ein Schreiben von “Se. Majestät dem Kaiser” eingelegt, es ermächtigt dazu, “die ersten drei Hammerschläge in Allerhöchst Seinem Namen zu thun.” Zwei Jahre später, im Mai 1879, wird die Christuskirche eingeweiht. Gebaut sei sie, betonen die Festredner, um

“Gottesfurcht, Liebe zum Vaterland und Gehorsam”

zu lernen und darum, dass,

“wenn der Ruf der Glocken dem Vaterland Gefahr verkünde, ein jeder bereit sei, für König und Vaterland seine Pflicht zu thun.”

Verkündet wird die Gefahr im August 1914, der Erste Weltkrieg beginnt. Wenige Tage später wird der erste “Heldentod fürs Vaterland” inseriert, “gefallen im 25. Lebensjahre”.

 

“Heldentod fürs Vaterland” | 1925

 

"Adam Amenda Aviszus": Mosaik mit den Namen gefallener Bochumer

ThW | Christuskirche

Am Ende des Weltkrieges haben 1358 Gemeindeglieder mit dem Leben dafür bezahlt, “ihre Pflicht” getan zu haben.

Einige Jahre später, 1925, ruft das Presbyterium dazu auf, ihnen eine Erinnerung zu stiften, “es sind unsere Gatten, Väter und Söhne, unsere Brüder, Anverwandten und Freunde”. Die Namen werden gesammelt, Adam Amenda Aviszus. Elf Jahre nach Kriegsende wird die Eingangshalle im Turm als Gedenkhalle gestaltet, der Umbau ist aufwändig: 1358 Namen werden in Mosaik gelegt, jeder Buchstabe wird aus bis zu 17 Steinchen gebaut, zwischen den Namen ein kleines Kreuz, das wie ein Pluszeichen erscheint:

“Ein erschütternder Rhythmus”

urteilt die Presse, der Rhythmus ist ein europäischer: Issleib Jantelat Jerdolla … man muss die Namen sprechen, um Europa in ihnen zu hören … Partschani Pithan Plesdenath

 

“Ihr Blut für uns vergossen” | 1929

 

"Auferstehende Helden"? Mosaik mit dem Bild von Bochumern, die Christus entgegen fahren

lichtblick-fotos.de

Oberhalb der Namensreihen thront eine Christus-Figur, der sich, aus einer Wolkendecke heraus, Männer-Figuren entgegen strecken. Sie stellen keine Soldaten dar, auch keine Bergleute, wie die meisten es gewesen waren. Es handele sich, erklärt das Presbyterium, um

“auferstehende Helden”.

Ihrem “teuren Blut” nämlich sei “unseres Volkes Rettung” zu verdanken, sie alle hätten wie Christus am Kreuz

“ihr Blut für uns vergossen”.

Man steht und staunt. Der qualvolle Tod ein Opfer? Das Opfer eines für uns? Das Heldsein ein Passierschein ins Paradies?  –  Das Mosaik zeigt Gesichter, die nicht sehr euphorisch wirken, eher besorgt. Ob diese Männer und ihre Familien tatsächlich glaubten, dass sich selber erlösen könne, wer sich opfert? Die Tagespresse schreibt im März 1931, dieser Ort ermahne dazu,

“den Helden gleich opferfroh zu bleiben für das gemeinsamen Vaterlandes Heil”.

Das Mosaik der Toten, heißt es weiter, verspreche “Erfüllung und Hoffnung zugleich”.

 

“Feindstaaten Deutschlands” | 1931

 

"Feindstaaten Deutschlands": Mosaik mit den Namen der "Feindstaaten" neben den Namen der Bochumer

lichtblick-fotos.de

Hoffnung worauf? Neben den Bochumer Namen findet sich eine weitere Liste im Mosaik, darauf die Namen von 28 Staaten:

“Frankreich Russland Italien Japan V. St. v. Nordamerika England Belgien Bolivien Brasilien China Ekuador Griechenland Guatemala Haiti Hedschas Honduras Kuba Liberia Nikaragua Panama Peru Polen Portugal Rumänien Serbien Siam Tschechoslowakei Uruguay”

Es sind die Namen der Feindstaaten Deutschlands. Die Frontlinien nachgezogen, als sollten sie ewiglich gelten. Oder deutet sich hier eine versöhnliche Geste an, eine, die das Leiden der anderen mit einbezieht? “Wir haben gehaust wie die Vandalen”, hatte Walter Brüggestrat, hörbar verstört, von der französischen Front berichtet:

“Was zu zerstören war, haben wir vernichtet. Sämtliche Ortschaften sind zuerst gesprengt, dann angezündet worden.”

Und dann dieser Satz, auch ihn hatte Brüggestrat nach Bochum geschrieben:

“Es war ein grausiger und zugleich schöner Anblick.”

Brüggestrat fiel im Februar 1918, sein Name ist einer von 1358 Namen im Mosaik.

 

“Jeder kann sich entscheiden” | 1933

 

"Was anfangen mit einem Bild vom feind, das nicht dazu taugt, ihn von dem Freund zu unterscheiden?" - Mosaik mit Namen

lichtblick-fotos.de

Im März 1931 wird der “Helden-Gedenkraum” eingeweiht. Der Gottesdienst steht unter dem Motto Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein. Nach der Predigt singt die Gemeinde  –  ist es Hellsucht oder Sehnsucht  –  Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.

Acht Jahre später beginnt der nächste Krieg. Haben die “Feindstaaten” im Turm die Frontlinien vorgezeichnet? Die Technik, mit der hier an den Ersten Weltkrieg erinnert wird, greift weit zurück, sie ist 5000 Jahre alt: Mosaik meint Ewigkeit. Nur was soll hier verewigt werden? Die Feindschaft? Mit wem? Bochumer Namen wie Benitzki, Wittkowski Zielasko stehen neben dem Feindstaat Polen

Was anfangen mit einem Bild vom Feind, das nicht dazu taugt, ihn von dem Freund zu unterscheiden?

Als der Gedenkraum im März 1931 eröffnet wird, ist Bochum demokratisch, aber bereits eine Hochburg der Nazis und seit kurzem deren “Gau-Hauptstadt”. Wer ist Freund, wer Feind? Jeder kann sich entscheiden.

Zwei Jahre später, am 4. Juni 1933, ist es Hans Ehrenberg, der das Bochumer Bekenntnis formuliert, das erste Bekenntnis einer Kirche gegen die Nazis. Ehrenberg ist bei weitem nicht der einzige, der sich den Nazis entgegenstellt, zusammen sind sie bei weitem keine Mehrheit.

 

“T steht für Totalverlust” | 1943

 

„Totalverlust bis auf den Turm“: Die 1943 zerstörte Christuskirche

Stadtarchiv

“Ort: Bochum. Bezeichnung: Christuskirche. Zeitpunkt des Luftangriffs: Nacht vom 13. zum 14. Mai 1943. Art der Beschädigung: T.”

Dürre Mitteilung auf dünnem Papier. T steht für “Totalverlust”, darunter der Zusatz “bis auf den Turm”.

Ausgerechnet. Der Turm, der das Feindbild hütet, prägt eine Stadt, die keine mehr ist. Mehr als 4000 Bochumer sind unter Trümmern begraben, die meisten Bomben sind rund um den Bochumer Verein niedergegangen, und das heißt: rund um die Christuskirche. Hat ihr “hochaufstrebender Turm” nur deshalb überdauert, weil er den Piloten als Orientierung diente, um Waffenfabriken anzufliegen?

Dorthin aber, in die Werkshallen des Bochumer Vereins, waren Tausende Zwangsarbeiter verschleppt worden und Gefangene des KZ Buchenwalds. Frauen und Männer aus Belgien und Frankreich, aus Griechenland und Italien, aus Russland, Polen, Serbien … aus eben jenen Staaten, die im Turm als “Feindstaaten” stehen.

Den Zwangsarbeitern Europas wurde ein “P” auf die Kleidung genäht: Wer es trug, dem wurde der Zugang zum Schutzbunker versperrt, wenn Bomben fielen. Ein P, ein J, ein gelber Stern. Die Marke aufgeklebt, das Bild vom Feind.

 

Bruch mit der Vergangenheit, ohne sie zu leugnen | 1959

 

"Keine Figuren, keine Symbole, nur Kreuz und Schrift": Altarwand der neuen Christuskirche

ThW | Christuskirche

Keine Stunde Null. Acht Jahrzehnte nach der ersten Grundsteinlegung  –  auf den Tag genau am 15. Mai 1957  –  wird die neue Christuskirche gegründet. Sie steht in ihrer Tradition, um mit ihr zu brechen:

Das moderne Kirchenschiff setzt sich ab vom alten Turm, das Ensemble setzt sich auseinander. Es verdeutlicht den Bruch mit der Vergangenheit, ohne sie zu leugnen.

Darum ist die neue Christuskirche bilderlos. Keine Figuren, kein Symbole, nur das Kreuz und die Schrift. Unübersehbar der Kontrast zum mächtigen Mosaik im Turm. Diese Kirche löst sich ab vom Bild, das eingelagert ist im Turm, sie stellt kein Bild vor Augen.

Den bilderlosen Gott, den Gott der Juden. Den man nicht sieht, Ihn muss man denken.

 

Kirche der Kulturen | 2001

 

“Glücklichste Proportionen” Christuskirche von Dieter Oesterlen 1956/59 | Foto Achim Bednorz

Diese Kirche erinnert daran, dass das zivilisierte Gewissen zusammengebrochen ist. Dass es geschehen ist und wieder geschehen kann. Keine angenehme Erinnerung, die Christuskirche ist ein Fremdkörper im Bild der Stadt. Ihr Turm ist nicht stadtbildpflegerisch wie andere, kein touristisches icon, mehr eine “Reliquie in der Wüste der Geschichtslosigkeit”.

So hat es Dieter Oesterlen formuliert, der Architekt der neuen Christuskirche. Er hat eine Gegenplatzierung geschaffen in den “glücklichsten Proportionen”, wie Architekturkritiker urteilen. Wolfgang-Jean Stock etwa zählt die Christuskirche mit großer Selbstverständlichkeit zu den 100 bedeutendsten Sakralneubauten Europas, und bereits George Kidder-Smith hatte in seinem Standardwerk über die Sakralarchitektur Europas formuliert:

“One of the best of the new European churches.”

Bis hin zum Lexikon der Weltarchitektur wird die “bildhafte Anschaulichkeit” der bilderlosen Kirche gerühmt. Eine Anschaulichkeit, bei der sich auch Egon Eiermann bedient, Architekt der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche: Eiermann kannte die im Bau befindliche Christuskirche, als er für Berlin eine formal ähnliche Lösung entwarf; auch dort das Auseinandersetzen von alt und neu im maßstäblichen Bezug.

Das bauliche Auseinandersetzen hat Sinn, solange es ein inhaltliches ist. Erst durch den Bruch mit der Vergangenheit hindurch macht das Ensemble bewusst, dass alle Kultur nur noch im Plural zu haben ist, im Bewusstsein auch der unheilvollen Traditionen.

Das eben ist, warum die Christuskirche keine Kulturkirche ist, sondern Kirche der Kulturen.

 

“Bochumer Kuxe” | 2005

 

Abgelöster Kopf der Frauenfigur am Turmportal

Christoph Harder | Architekturbüro Harder & Pöpsel

In den 90er Jahren fielen Bruchstücke vom Turm herab, das Mauerwerk hatte sich versetzt, der Turm war einsturzgefährdet. Das Kuratorium Christuskirche gründet sich, es rettet den Turm, indem es erzählt, was sich in ihm verdichtet.

Die Sanierung ist aufwändig, die Unterstützung groß: 1,85 Millionen Euro kommen zusammen, 2005 können die Arbeiten abgeschlossen werden. Seitdem sind der Turm und seine Geschichte auf eine neue Weise sozialisiert: Das Kuratorium hatte die “Bochumer Kuxe” aufgelegt, Kuxe waren früher Genossenschaftsanteile an einem Bergwerk, jetzt wurden sie zu Anteilsscheinen an der Christuskirche verbunden mit dem symbolischen Besitz eines Werksteins, aus denen der Turmhelm aufbaut:

Hier die Namenliste unserer Anteilseigner. Und hier das Programm der ersten Jahre.