ThW | Christuskirche

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Die “Helden-Gedenkhalle” im alten Turm der Christuskirche: Der Raum ist ausgefüllt mit einem Mosaik, es nennt die Namen von Bochumern, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren, daneben die Namen von 28 Staaten, den “Feindstaaten Deutschlands“. Die Front­li­nien nach­ge­zo­gen, als soll­ten sie ewig­lich gel­ten. Oder deu­tet sich hier eine ver­söhn­li­che Geste an, eine, die das Lei­den der ande­ren mit ein­be­zieht?

Wie immer dies Mosaik gelesen wird, es macht bewusst, dass Weltmusik eine Geschichte hat. Das meiste, was wir heute hören, stammt aus Gegenden, die einmal “Feindstaaten” waren.

Sie heute zu hören, hat nichts mit Folklore zu tun, eher ist es “Weltmusik 2.0”. Als Weltmusik noch 1.0 war und sich an territoriale Grenzen hielt  –  ein paar Jahre ist das erst her, eine Ewigkeit in der Musikgeschichte  –  hatten wir damit begonnen, Musik aus “Feindstaaten” nach Bochum einzuladen. Anna Maria Jopek, Rosani Reis, Sho-Myo … Konzert für Konzert wurde aus Weltkriegen Weltmusik, das Mosaik im Turm zur mosaic music.

Marzabotto, Lidice, Oradour, Kalavrita …

Beispiel Italien: 2004 hatten wir Quadro Nuevo eingeladen und ihre Canzone della Strada mit einer Erinnerung eröffnet, die wie die Lieder, die Quadro Nuevo gesammelt hat, auf Italiens Straßen spielt. Und zwar in

Marzabotto, einer kleinen Stadt in der Emiglia Romagna nicht weit von Bologna entfernt. Heute vor 60 Jahren kamen deutsche Soldaten nach Marzabotto und ermordeten nahezu alle Bewohner, Männer, Frauen, Kinder.

Einige schafften es, in die Kirche Santa Maria Assunta zu fliehen. Die Kirche wurde von den Deutschen gestürmt, sie trieben die Menschen hinaus auf den Friedhof. Adelmo Benini musste von einem Berg aus zusehen, er konnte seine Frau und seine beiden Kinder erkennen: ‘Als ich sah, wie sie mit den Maschinengewehren zielten, warf ich mich den Bergrücken hinunter und schrie den Namen meiner Frau, die Namen meiner Kinder …’

In der Nähe der Kirche lag ein Andachtsraum, 49 Menschen hatten die Deutschen hier eingesperrt, unter ihnen 19 Kinder. Die Soldaten warfen Handgranaten hinein. Die 6jährige Paola Rossi überlebte, weil sich ihre Mutter über sie geworfen hatte.

Am nächsten Morgen kamen die Deutschen zurück […]

Marzabotto ist eine europäische Stadt, ihr Name steht in einer Reihe mit Lidice in Tschechien, mit Oradour in Frankreich, Kalavrita in Griechenland, mit Coventry, Warschau, Rotterdam. Wir werden Canzone della Strada heute anders hören.”

Erinnerung hat einen Klang. Etwas, das sich hören lässt in einem Satz wie am nächsten Morgen kamen die Deutschen zurück.

Die Frage ist nur, ob dies hörbar bleiben wird. Territoriale Grenzen haben sich in der Musik längst aufgelöst  –  löst sich auch die Erinnerung auf? Das Projekt mosaic music jedenfalls ist erst einmal Geschichte  –  und darum so offen, wie Geschichte es ist.