wruuuuuuurtyp

urban urtyp: Auftakt mit Moca | 29. September

Erstes Album “Wroooooooam”, zweites “Tempomat”, jetzt beim dritten jammen sie im “Cabriolet”. Leicht unzeitgemäß, denkt man und hört und ... was wunderbar. 18 Jahre jung ist das Trio beisammen, die Straße frei, am Himmel keine Wolke. Was einem entgegen flirtet, ist funky und jazzy, ist Latin und Pop, ein bissig eleganter Electro-Sound. Easy urban listening ohne Überrollbügel, Moca aus Bochum eröffnet die neue Spielzeit von urban urtyp,  alle Infos hier.

“Freiheitsrechte, die für alle gelten”

Festival für die Freiheit der Kunst | Fotos

Seit 70 Jahren gelten die Freiheitsrechte des Grundgesetzes, "es sind keine deutschen Grundrechte", sagte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger heute Abend beim Festival für die Freiheit der Kunst: "Es sind Freiheitsrechte, die für alle gelten." Auch  -  und es ist komplett irritierend, dass man dies eigens dazu schreiben muss  -  auch für Juden. Hier die Foto-Galerie des Abends für die Freiheit aller ua mit Volker Beck, Dietmar Köster und dem Pianisten Vladimir Mogolevsky. 

Prä? Post? Emika

urban urtyp spezial | 19. Oktober

Klassik vom Kopf auf den Bass gestellt. Klar, dass Brandt Brauer Frick sie remixed haben. Dass sie gemeinsame Projekte mit Hank Shocklee von Public Enemy macht. Dass die Filmwelt ihre Musik goutiert (Mission: Impossible 4!) und die Olympiade in London. Emika, tschechisch-britische Weltbürgerin aus Berlin, kann umarmen, ja. Aber. Auf ihrer Home-Base, dem Berghain, gilt sie  -  in der Fülle toller Elektroniker dort  -  als Ausnahmeerscheinung. So auch im urbanen urtyphain. Hier alle Infos zum Konzert.

György Konrád z”l

Ein großer Schriftsteller, ein großer Europäer: György Konrád, 1933 in Berettyóújfalu im östlichen Ungarn geboren, ist jetzt in Budapest gestorben. Vor sechs Jahren hatte er bei uns zum Tag der Befreiung von Auschwitz aus seinen Werken gelesen: Auschwitz, sagte er damals, sei "wichtigster Orientierungspunkt meines Denkens". Konrád war Präsident des Internationalen P.E.N. und Präsident der Akademie der Künste, er hat international höchste Ehrungen erhalten, darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Karlspreis, den Orden der französischen Ehrenlegion. Im März 1944, als die Deutschen Ungarn besetzten und innerhalb weniger Wochen eine halbe Million Juden deportierten  -  jedes dritte in Auschwitz ermordete Opfer stammte aus Ungarn  -  tauchte der 11jährige zusammen mit seiner Schwester in Budapest unter. Die beiden Kinder wurden nicht wie Tausende andere „in die Donau geschossen“. Dass sie überlebt haben, verdanken sie dem Zufall, ihrem Mut und Menschen wie Carl Lutz: Der Schweizer Diplomat hatte Zehntausende „Schutzpässe“ ausgestellt, eine dieser gestempelten Phantasien schützt Konrád bis heute davor, vergast worden zu sein. Aber auch, wer Auschwitz entkam, ist deshalb nicht entkommen. Was es bedeutet zu überleben  —  und auch, was es bedeutet, wenn sich ein anderer etwas ausdenkt und auf Papier druckt und „Schutzpass“ nennt  —  macht Konrád en passant deutlich:
Du lebst statt der anderen, das sagte mir in meiner Kleinstadt ein Jude, dessen Frau und zwei Kinder verbrannt worden waren. Im Februar 1945 sagte er das, kurz vor meinem zwölften Geburtstag. Diese Feststellung klang wie ein Urteil.“
Nach der Befreiung hatte Konrád Literatur-, Soziologie- und Psychologie in Budapest studierte, 1956 war er in den Ungarn-Aufstand geraten, ohne dort seine, eine dritte Seite zu finden. Durch die bleiernen Jahre, die den sowjetischen Panzern gefolgt waren, hatte er sich  —  jetzt nicht mehr von falscher „Rasse“, wohl aber von „falscher“ Klasse  —  mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen und 1969 seinen ersten Roman herausgebracht: „Der Besucher“. Die politischen Essays, die er in den folgenden Jahren auch in westlichen Verlagen veröffentlichte, brachten ihm in Ungarn ein jahrelanges Schreibverbot ein. Da er weiterhin im Westen publizierte, bot man ihm schließlich die Ausreise an, er aber, Weltbürger und Europäer, blieb und schuf sich sein öffentliches Leben selbst. Eines, das er zwischen die Welten Europas spannte, zwischen Selbstverlag und Fremdbestimmung, zwischen Samisdat und westlichem Ruhm: Damals, und lange ist das gar nicht her, musste ein Manuskript, in dem wer Ich sagte, in Europa geschmuggelt werden. Auf diese Weise erkämpfte sich Konrád seine gedankliche und eine gewisse Reisefreiheit und wurde  —  zusammen zumal mit Vaclav Havel, Czeslaw Milosz, Danilo Kis  —  zu einer der wichtigsten Stimmen des dissidenten Osteuropas. 1989 dann, nach dem Ende der europäischen Spaltung, wird er in Ungarn rehabilitiert, er erhält den wichtigsten Künstlerpreis des Landes. Und wird  —  als Präsident des Internationalen P.E.N. [1990 bis 1993], mehr noch als Präsident der Akademie der Künste in Berlin [1997 bis 2003]  —  zu einer der bedeutendsten Stimmen des neuen Europas: „eine literarische Autorität von europäischem Rang“, wie Alt-Bundespräsident Roman Herzog 2001 es in seiner Laudatio zur Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen formuliert: Konrád zu ehren, so Herzog,
ist eine Entscheidung für ein Europa der Zivilcourage, für ein Europa der unbedingten Wahrheit, des unbeugsamen Freiheitswillens, des kompromisslosen Humanismus und des Bekenntnisses zum Frieden. Es ist zugleich eine Entscheidung für kritische Intelligenz, für Nonkonformismus und Widerspruchsgeist.
Vor allem aber ist es eine Entscheidung für das, was Konrád ein „emphatisches Vorstellungsvermögen“ nennt, Inbegriff von Literatur: die Fähigkeit, sich vorzustellen, was mit dem anderen ist.

“Die Anti-BDS-Kirche”

Wer Freiheit will, feiert die Kunst

Stefan Frank über das "Festival für die Freiheit der Kunst" (Auszug) // Das Musikfestival findet in der Christuskirche Bochum statt, einer der größten Kulturkirchen bundesweit und bekannt als Ort für Kulturveranstaltungen, wo Israelboykott keinen Platz hat. Ihr Pfarrer Thomas Wessel sieht die Boykott-Bewegung gegen jüdische Künstler in einem Zusammenhang mit dem Massaker im Pariser Veranstaltungslokal „Bataclan“ vom 13. November 2015. „Lange Zeit“, sagt er gegenüber Mena Watch, habe er „nicht ernst genommen, dass es wieder Leute gibt, die Kultur boykottieren. Ist ja auch eine komplett irre Idee: ‚Kunstverbot!’ Dann die Terrormorde im Bataclan, Paris, wo immer wieder mal Bands gespielt haben, die auch bei uns aufgetreten sind, da dachte ich zuerst, dass es offenbar diese Art Killertypen sei, die Kunst totschießen wollen. Als mir dann klar wurde, dass Hyper Cacher [das koschere Lebensmittelgeschäft in Paris, in dem der Dschihadist Amedy Coulibaly am 9. Januar 2015 vier Juden ermordete und zahlreiche Geiseln nahm; S.F.] nicht bloß irgendein Supermarkt war, sondern ein jüdischer Supermarkt, da dämmerte mir, worum es wirklich geht." Ziel der Christuskirche Bochum sei es, dass das Festival für die Freiheit der Kunst „die gesamte Spielzeit“ über laufe:
„Immer wieder mal Künstler und Künstlerinnen aus Israel, aber mit größter Selbstverständlichkeit.“
So habe erst kürzlich, am 1. September, die Band Kroke in der Christuskirche Bochum gespielt,
„Kroke kommen aus Krakau, aber ihr Krakau liegt nicht weit von Israel entfernt. War ein geniales Konzert! Im Oktober spielt Itamar Erez bei uns, israelisch-kanadischer Gitarrist, vor allem aber: ein mega guter! Wir kennen auch die Pop-Szene in Berlin ganz gut, da gibt es einige fantastische Acts mit israelischem Background ...
Im Grunde machen wir, was BDS verhindern will, wir normalisieren. Und wenn BDS-fromme Acts so wie zuletzt Lisa Gerrard von Dead Can Dance, wenn sie sich entscheiden, ebenfalls bei uns zu spielen, sind auch sie willkommen: Sie müssen sich dann ja vor ihren eigenen Tribunalen verantworten.“
Den Entschluss der Jüdischen Kulturinitiative, den Erlös des Festivals für die Betreuung von Opfern des Terrorismus zu spenden, kommentiert Wessel so:
„Wir sind viel zu schnell bereit, die Märchen der Terroristen nachzuerzählen, diese post-linke Suggestion, die Opfer des Terrors besäßen irgendeine Schuld. Hinterrücks produzieren wir alle solche pseudo-logischen Zusammenhänge: Twin Towers, Ku’damm, Paris je’taime … wer sich da aufhält, ist der nicht doch auch Teil einer weltweiten Apartheids-Apparatur usw. Solche vorpolitischen Zusammenhänge produzieren wir vermutlich deshalb, weil uns das Prinzip des Terrors unerträglich ist, es ist das Prinzip des Zufalls. Zufall ist das einzige Herrschaftsprinzip, das unbeherrschbar ist. Benefiz für Terror-Opfer heißt darum: Terror ächten. Terror ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.“
 
Der gesamte Artikel, darin Interviews mit Gaby Stronz und Gabriela Schlesiger von der Jüdischen Kulturinitiative: hier klicken Mena-Watch – Der unabhängige Nahost-Thinktank ist aus der Ende 2011 in Wien ins Leben gerufenen Medienbeobachtungsstelle Naher Osten hervorgegangen. Über die Arbeit der Medienbeobachtung hinaus erstellt Mena-Watch Dossiers zu aktuellen Themen, veröffentlicht Analysen und stellt Fakten zu aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten und Nordafrika zusammen. Exklusivbeiträge renommierter Autoren werden ebenso veröffentlicht wie Übersetzungen fremdsprachiger Expertenbeiträge. Indem diese einer deutschsprachigen Leserschaft zur Verfügung gestell wird, finden Stimmen Gehör, die in den europäischen Debatten anders fehlten. Mena-Watch ist ein unabhängiger Think-Tank und als solcher frei von Einflussnahmen durch Staaten, politische Parteien oder Medien.
FESTIVAL FÜR DIE FREIHEIT DER KUNST 14:00 h Gabriela Schäfer | Bürgermeisterin der Stadt Bochum Sabine Leutheusser-Schnarrenberger | Antisemitismusbeauftragte NRW Dietmar Köster | MdeP 15:30 h Klassik Duo Weimar & Liri Doll | Klezmer, Klassik und israelische Lieder 16:30 h Michaela Engelmeier | Maccabi Deutschland 17:00 h Joel & Kristina | Schottische Musik Gaby Spronz | Was ist BDS? 18:00 h Volker Beck 18:30 h Vladimir Mogilevsky 19:30 h Klassik Duo Weimar & Liri Doll 20:00 h Alexander Zolotarev, Elena Gaponenko | Jüdische Komponisten der Klassik (Alle Zeitangaben ohne Pausen) » Sonntag 15. September 2019 | ab 14 Uhr » VVK 16 € » Tickets in allen VVK-Shops bundesweit oder direkt hier bei uns (hier klicken) » Weitere Infos unter: JÜDISCHE KULTURINITIATIVE Der Erlös des Festivals geht an ISRAEL TRAUMA COALITION zugunsten der Opfer des Terrors gegen Israel.

Terror ächten!

Seit dem letzten Jahr gibt es einen Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Terrorismus, es ist der 21. August. Dass es diesen Tag gibt, ist gut. Was fehlt: dass die Menschheit  -  und hier kann man tatsächlich einmal Bonhoeffer bemühen  -  nicht nur die Opfer unter dem Rad verbindet, sondern dem Rad in die Speichen fällt. Dass wir uns um die Opfer des Terrors kümmern, aber die Politik des Terrors ächten: Terror ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. So wie es der Einsatz von chemischen und biologischen und atomaren Waffen ist, diese Waffen sind geächtet. Man sagt mir immer, Terror zu ächten sei leicht gesagt und schwer getan, weil Terror schwer zu definieren sei. Ist das so? Terror ist das Gegenteil von Demokratie.

Was darf die Kunst? Alles. Außer sich selber boykottieren.

Festival für die Freiheit der Kunst | 15. September

Kunst verbindet, Boykott trennt. Was darf die Kunst? Alles. Was darf sie nicht? Sich selber boykottieren. Es ist ihr einziges Gesetz, sie setzt es sich selber. Und doch ist es immer wieder so, dass Künstler boykottiert werden  -  wenn sie aus Israel kommen. Oder in Israel auftreten wollen. Als ob die Freiheit der Kunst für alle gälte außer für sie. Als ob die Kunst alle Menschen miteinander verbinde außer mit Juden. BDS nennt sich diese Kampagne gegen Kunst, sie ist antisemitisch, das hat der Bundestag nachdrücklich erklärt: Wer boykottiert, will brandmarken. Dagegen gilt: Wer die Kunst feiert, will Freiheit, wer die Freiheit feiert, will Kunst. Dennoch hält die antisemitische Kampagne an. Heute hat das Blog Ruhrbarone berichtet, die STADT DORTMUND wolle ihren nach Nelly Sachs benannten Kunstpreis an eine Kunst-Boykotteuse verleihen, an die bekennende BDS-Aktivistin Kamila Shamsie. Es ist erst wenige Monate her, dass die Stadt in einer „Grundsatzerklärung gegen Antisemitismus“ erklärt hat,
„dass Organisationen, Vereinen und Personen, die etwa den Holocaust leugnen oder relativieren, die Existenz Israels als jüdischen Staat delegitimieren, zu antijüdischen oder antiisraelischen Boykotten aufrufen, diese unterstützen oder entsprechende Propaganda verbreiten (z. B.die Kampagne „Boycott – Divestment – Sanctions [BDS]“) oder die anderweitig antisemitisch agieren, keine Räumlichkeiten oder Flächen zur Verfügung gestellt werden“.
Keine Räumlichkeiten, keine Flächen, aber einen mit 15 000 € dotierten Preis? Der den Namen von Nelly Sachs trägt, die 1966, 18 Jahre nach Gründung des Staates Israels, den Literatur-Nobelpreis dafür erhalten hat, dass sie „das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke“ interpretiert hat? Es bleibt nichts anderes, die Stadt muss die Entscheidung der Jury kassieren. Besser heute als morgen. Und dann am Sonntag feiern wir, was zusammen gehört, die Freiheit und die Kunst. Hier alle Infos!
FESTIVAL FÜR DIE FREIHEIT DER KUNST 14:00 h

Gabriela Schäfer | Bürgermeisterin der Stadt Bochum Sabine Leutheusser-Schnarrenberger | Antisemitismusbeauftragte NRW Dietmar Köster | MdeP

15:30 h

Klassik Duo Weimar & Liri Doll | Klezmer, Klassik und israelische Lieder

16:30 h

Michaela Engelmeier | Maccabi Deutschland

17:00 h

Joel & Kristina | Schottische Musik Gaby Spronz | Was ist BDS?

18:00 h

Volker Beck

18:30 h

Vladimir Mogilevsky

19:30 h

Klassik Duo Weimar & Liri Doll

20:00 h

Alexander Zolotarev, Elena Gaponenko | Jüdische Komponisten der Klassik

(Alle Zeitangaben ohne Pausen)
» Sonntag 15. September 2019 | ab 14 Uhr » VVK 16 €  » Tickets in allen VVK-Shops bundesweit oder direkt hier bei uns (hier klicken) » Weitere Infos unter: JÜDISCHE KULTURINITIATIVE Der Erlös des Festivals geht an ISRAEL TRAUMA COALITION zugunsten der Opfer des Terrors gegen Israel

“Die Moderne”

Tag des offenen Denkmals | 8. September

„Die Moderne: Umbrüche in Architektur und Kunst“  -  sperriges Thema? Gar nicht, die Moderne ist das, was sich  -  und zwar dringend, man muss nur Richtung AfD blicken  -  was sich zu verteidigen lohnt. Während die Christuskirche ein Bauwerk ist, das die Moderne verdichtet wie kaum ein anderes. „Die Moderne“ ist was? Ein Versprechen, uneingelöst. // Zum Tag des offenen Denkmals bieten wir 3 öffentliche Führungen an um 13 / 15 / 17 Uhr, Dauer jeweils 60 – 90 Minuten. Kostenfrei, ist klar, kann jede/r kommen. Wer mag, kommt dann bis hoch zu den Glocken. Hier alle Infos

Vladimir Mogilevsky

Festival für die Freiheit der Kunst

„Klavier-Genie.“ „Ausnahme-Pianist.“ „Weltklasse.“ Mogilevsky, 49 Jahre alt, ist auf dem Weg, zu einem der ganz Großen zu werden. Seit 15 Jahren gastiert er regelmäßig als Solist in der Philharmonie Berlin  -  und füllt den riesigen Saal. Er gastiert solo im Großen Saals des Konzerthauses Berlin, konzertiert in der Elbphilharmonie Hamburg, spielt in den Häusern Europas, wird eingeladen in die Welt. Als er 2002 das Liszt-Festival in Bonn beehrte, war es, so ein Kritiker, „als wäre Liszt persönlich anwesend gewesen.“ Die Musikkritik über Mogilevskys Spiel: technisch perfekt, leidenschaftlich und durchdacht. Seine Interpretationen bewahren jenes Maß an Eigensinn, das es brauche, ein Werk zu beseelen  -  „ein Hauch Seligkeit“, hörte etwa der WDR. Woher dieses besondere Moment in Mogilevskys Spiel stammt? Er hat eine Leidenschaft für Jazz, für Improvisation, für die Sinngebung der Klassik. Eine Art des Spiels, für die vor allem der Name von Oscar Peterson steht: Der legendäre Pianist, 2007 verstorben, hat den jungen Valdimir noch spielen gehört  -  und war beeindruckt. Beim FESTIVAL FÜR DIE FREIHEIT DER KUNST wird Mogilevsky jetzt Frédéric Chopin interpretieren: Gerade Chopins Musik steht für die Freiheit des Ausdrucks. Wird sie nur nachgespielt, stellt sie sich tot; zum Leben erwacht sie, wenn sie auf Leidenschaft stößt. Wer diese Freiheit feiert, will Kunst. Immer wieder aber werden Künstler boykottiert  -  wenn sie aus Israel kommen. Als ob die Freiheit der Kunst für alle gälte außer für sie. Immer wieder werden Künstler boykottiert, die in Israel auftreten wollen. Als ob Kunst alle Menschen einander verbinde außer mit Juden. Dieser Boykott  -  die Kampagne nennt sich „BDS“  -  ist antisemitisch. Das hat der Bundestag jetzt nachdrücklich erklärt: Wer boykottiert, will brandmarken. Wer die Freiheit feiert, will Kunst. Weil Kunst verbindet, Boykott trennt. Ein Festival mit Vladimir Mogilevsky und weiteren Künstlerinnen und Künstlern sowie mit _ Sabine Leutheusser-Schnarrenberger | Antisemitismusbeauftragte NRW _ Dietmar Köster | MdeP _ Volker Beck | Bürgerrechtler DAS PROGRAMM DES TAGES 14:00 h Sabine Leutheusser-Schnarrenberger | Antisemitismusbeauftragte NRW Dietmar Köster | MdeP Gabriele Schäfer | Bürgermeisterin der Stadt Bochum 15:30 h Klassik Duo Weimar & Liri Doll | Klezmer, Klassik und israelische Lieder 16:30 h Michaela Engelmeier | Maccabi Deutschland 17:00 h Joel & Kristina | Schottische Musik Gaby Spronz | Was ist BDS? 18:00 h Volker Beck 18:30 h Vladimir Mogilevsky 19:30 h Klassik Duo Weimar & Liri Doll 20:00 h Alexander Zolotarev, Elena Gaponenko | Jüdische Komponisten der Klassik (Alle Zeitangaben ohne Pausen) _ _ _ Mehr Infos unter: JÜDISCHE KULTURINITIATIVE Der Erlös des Festivals geht an ISRAEL TRAUMA COALITION

“Nie wieder Krieg. Nie wieder Auschwitz. Nie wieder.”

Präses Kurschus und OB Eiskirch zum Tag des Friedens

„'Da gibt es nur ein Wort als Erklärung: Die Musik. Die Musik ist ein Zauber. Wir haben alles auswendig gespielt. Die Etüden, die Beethoven-Sonaten, Schubert, alles. In einem Saal für 150 Leute, alte, verzweifelte, kranke, verhungerte Menschen. Die haben gelebt von der Musik, die Musik war das Essen. Die wären längst schon gestorben, wenn sie nicht gekommen wären. Und wir auch.“ So antwortete die jüdische Pianistin Alice Herz-Sommer einmal auf die Frage, wie sie das Leben im Lager ertragen habe. „Da gibt es nur ein Wort als Erklärung: Die Musik.'“  -  Mit dieser Erinnerung eröffnete Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und stellvertretende Vorsitzende des Rates der EKD, das Konzert zum Tag des Friedens am Platz des europäischen Versprechens. Weiter sagte Kurschus:
"Gemeinsam mit ihrem Sohn war Alice Herz-Sommer 1943 in Theresienstadt inhaftiert und ein Jahr später nach Ausschwitz gebracht worden. Beide überlebten das entsetzliche Grauen. Alice Herz-Sommer starb 2014 in London: 110-jährig. 'Die Musik war unsere Nahrung.' Heute, am 1. September 2019, erinnern wir uns hier in der Christuskirche am Platz des Europäischen Versprechens an den deutschen Überfall auf Polen im Jahre 1939, mit dem der Zweite Weltkrieg begann. In nur sechs Jahren verlieren 60 Millionen Menschen ihr Leben, in Kellern verbrannt, in Schützengräben gefallen, in Konzentrationslagern ermordet. Dieses Grauen, das von unserem Land ausging und unsägliches Leid über Europa und die Weltgemeinschaft brachte, ist kaum ein Menschenleben her. Wir halten die Erinnerung wach, weil wir sie den Millionen Toten schuldig sind. Wir halten sie wach und denen entgegen, die das Unfassbare heute zu einem „Fliegenschiss der Geschichte“ weglügen. Wir halten die Erinnerung lebendig, weil wir nur so dem Europäischen Versprechen gerecht werden, denen hier Zehntausende ihr Wort und ihren Namen gegeben haben: Nie wieder Krieg. Nie wieder Auschwitz. Nie wieder. Ich bin dankbar dafür, dass wir zu diesem besonderen Gedenken hier in der Christuskirche zu Gast sind und gemeinsam mit dem Kirchenkreis und der Stadt Bochum ein kraftvolles Zeichen für ein friedliches und versöhntes Europa setzen. Und ich bin dankbar dafür, dass wir es musikalisch tun. Mit der Band Kroke. Musikalische Brückenbauer, die jiddischen Klezmer mit polnischem Jazz, europäischer Klassik und orientalischen Grooves, mit westlichem Pop und östlichen Sounds verbinden. Musik sei unsere Nahrung gegen das Vergessen und im Einsatz für den Frieden in unserer Welt."
Zuvor hatten die Stadt Bochum und die Evangelische Kirche an diesem Weltfriedenstag im Historischen Rathaus vor rund 80 geladenen Gästen aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft gemeinsam daran erinnert, dass Europa auf beiden Gründungsversprechen aufbaut: „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Auschwitz“.
Oberbürgermeister Thomas Eiskirch hatte in seiner Rede hervorgehoben, dass dieses Versprechen in unserer aller Verantwortung liege und sich hinter das Engagement der Bochumerinnen und Bochumer gegen Rechts gestellt:
„In Bochum hat Hass keinen Platz, denn die deutliche Mehrheit in unserer Stadt steht für ein gemeinsames, tolerantes und friedliches Miteinander ein.“
 
Die Präses der westfälischen Landeskirche, Annette Kurschus, hatte bei dem Empfang betont, dass Erinnern eine heilsame und schöpferische Kraft freisetze, die unser Handeln korrigiere und orientiere:
"Die Kraft der Erinnerung muss europäisches Handeln leiten und nicht die erschreckend lauten Stimmen, die vergessen möchten."
Unter den geladenen Gästen befanden sich auch Schülerinnen und Schüler Bochumer Schulen sowie Dr. Pete Wilcox, Bischof von Bochums Partnerstadt Sheffield.

Die zwei Seiten einer Mauer

“Mauergeschichten” | Ausstellung

Neulich wieder, Tagesschau: Die Berliner Mauer im selben Atemzug genannt wie die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland. Als sei es dasselbe, ob ein Flüchtling kommt oder ein Terrorist. Ob jemand die Freiheit sucht, um sie zu genießen, oder einen Schulbus, den er in die Luft jagen will. Ob jemand einen Club aufsucht, um zu tanzen oder um alle, die tanzen, zu ermorden. Eben dies war das Programm der „Zweiten Intifada“: Terror gegen Zivilisten. In Zahlen: 143 Selbstmordanschläge, 513 Israelis ermordet, 3.380 verletzt. Allein im Jahr 2002 gab es 26 Selbstmord-Attentate, wurden 203 Israelis ermordet und 1.215 verletzt; auf die Bevölkerung der Bundesrepublik umgerechnet, entspräche dies 1 929 Terror-Morden und 11.500 Verletzten in 1 Jahr. In eben diesem Jahr begann Israel mit dem Bau einer Sperranlage, seitdem ging die Zahl der Selbstmord-Attentate peu à peu zurück. Diese Grenze hat Sinn, sie rettet Leben, die Grenzanlagen der DDR haben getötet. Das ist ein Unterschied, wie er größer nicht denkbar ist.
MAUERGESCHICHTEN | Fotos von Seija Ulkuniemi  >> alle Infos hier auf unserer Seite (hier klicken) Eröffnung 30. August 2019 | Christuskirche Bochum | 20 Uhr » Seija Ulkuniemi wird zur Eröffnung der Ausstellung persönlich anwesend sein. Ausstellung im Schlegel-Haus (gegenüber der Christuskirche) » 31. August — 15. September 2019 » Mo-Fr 15–20 Uhr » Sa & So 12–18 Uhr » Eintritt 3,- €

Tag des Friedens am Platz des europäischen Versprechens

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg

1931 wurde im Turm der Christuskirche Bochum eine Gedenkhalle eingerichtet. In ihr sind die Namen von 1358 Bochumern gelistet, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Jeder Name ist Buchstabe für Buchstabe in ein goldenes Mosaik gelegt. Wenn man die vielen Namen liest, kann man Europa in ihnen hören: Manche klingen französisch, andere russisch, jeder dritte Name  -  hier ist Ruhrgebiet  -  klingt polnisch. Neben den Bochumer Namen eine zweite Liste, auf ihr die Namen von 28 Staaten  -  den „Feindstaaten Deutschlands“.  Auch sie, die Namen der "Feinde", sind aufwändig in Mosaik gelegt. Ein Zeichen der Versöhnung? Ein Hinweis auf das Leiden der Menschen dort? Oder eher ein Appell, es denen dort demnächst heimzuzahlen? 1931 wurde dieser Gedenkraum eingeweiht, acht Jahre später begann der nächste Krieg. Heute beginnt hier, in diesem prekären Raum, der Platz des europäischen Versprechens. Der Platz ist eine Einladung, Europa ein persönliches Versprechen zu geben. Die Versprechen sind still, sie sind nicht veröffentlicht. An ihrer statt sind die Namen von allen, die ein Versprechen gegeben haben, in den Steinboden des Platzes geschrieben: Das Kunstprojekt von JOCHEN GERZ, von der Christuskirche Bochum zusammen mit der Stadt Bochum getragen, lief von 2007 bis 2015. Eingeladen waren alle, die sich als Europäer in Europa verstehen, die Einladung wurde europaweit gestreut. Im Dezember 2015 konnte der Platz  -  3000 qm groß, er umfließt die Christuskirche  -  der Öffentlichkeit übergeben werden, gebaut ist er aus insgesamt 14 726 Namen. Und wieder gilt: Wer die Namen liest, kann Europa in ihnen hören. Kann sich selber eine Vorstellung geben von dem, was andere Europa versprochen haben mögen. JOCHEN GERZ, international hoch angesehener Künstler, er ist der Ideengeber des Platzes:
„Europa spricht nicht mit einer Stimme, sondern mit vielen. Die Toleranz hat viele Stimmen.“
Was ist Toleranz? Die Fähigkeit, sich vorzustellen, was mit dem anderen ist. Nichts beschreibt Europa besser als dieser Satz.
Am 1. September vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, er begann mit dem Überfall auf Polen. Vielerorts wird dieses Jahrestages gedacht: Bereits am 31. August werden in einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in Warschau Deutsche und Polen gemeinsam an den Kriegsbeginn erinnern. Die Predigt halten die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Dr. h.c. Annette Kurschus, zugleich Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, sowie der Präsident des Polnischen Ökumenischen Rates, Bischof Jerzy Samiec. Tags darauf – am 1. September – nimmt Frank-Walter Steinmeier auf Einladung des polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda an der offiziellen Gedenkveranstaltung in Warschau teil. Präses Kurschus wiederum wird nach Bochum reisen und hier, nach einem Empfang im Rathaus der Stadt, das Konzert mit dem polnischen Trio KROKE eröffnen. Kurschus:
80 Jahre liegt der deutsche Überfall auf Polen zurück und mit ihm der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Unsägliches Leid ist damals von unserem Land ausgegangen. Wir bekennen uns offen und aufrichtig zu dieser Schuldgeschichte und ebenso zur Verantwortung, die uns daraus zuwächst. Nach den Jahren der Gewalt, des Leidens und des Schweigens auf beiden Seiten bin ich dankbar für die Schritte der Versöhnung, die wir aufeinander zu und gemeinsam mit unseren polnischen Nachbarn gehen durften. Das ist alles andere als selbstverständlich.
In der Geschichte der Polen in Deutschland hat Bochum eine besondere Rolle gespielt: Seit den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte sich hier ein Zentrum der Polenbewegung entwickelt, das bis zum Zweiten Weltkrieg Bestand haben sollte. Dieses Zentrum, im Volksmund in "Klein Warschau" genannt, bildete sich unmittelbar nördlich der 1879 eingeweihten Christuskirche. Heute ist dieser Geschichte wegen die „Porta Polonica Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland“ in Bochum angesiedelt. In Westfalen wird zahlreiche weitere Gedenkveranstaltungen geben. Die Westfälische Landeskirche hat eine Auswahl von Gottesdiensten, Konzerten und Friedensfesten zusammengestellt, dazu ein Statement des westfälischen Friedensbeauftragten Heiner Montanus, Superintendent im Nachbarkirchenkreis Gelsenkirchen, sowie weitere Hintergrundinformationen und Materialien:

>>  hier (klicken)

>>  mehr zur Geschichte der Christuskirche

“I know what I’m not”

https://www.youtube.com/watch?v=Jh9aFGP_Nx8
Großer Song. Madonna hat viel Prügel bekommen für "Madame X", dabei hat sie die Idee des Pop beatmet. Dass es nicht darum geht, so zu sein, wie man ist, sondern auch anders sein könnte. Derzeit ist diese Idee nicht eben en vogue, man möchte lieber identisch sein mit sich selbst. Was ein  -  auch ästhetisch fatales  -  Nullsummenspiel ergibt: Identität ist ein anderes Wort dafür, den eigenen Grabstein zu beschriften. Pop dagegen war immer die Idee, mit Identitäten zu spielen. Sich einzufühlen in den Anderen, biblisch gesprochen: Fühle deinen Nächsten wie dich selbst. Madonna: "I will be gay, if the gay are burned. I'll be Africa, if Africa is shut down. I'll be Islam, if Islam is hated. I'll be Israel, if they're incarcerated. I'll be a woman, if she's raped. I know what I am (God knows what I am). And I know what I'm not (and He knows what I'm not). Do you know who you are?"

33 325 … 483 … 1,5

Spielzeit 18/19: Christuskirche in Zahlen

69 Kulturveranstaltungen, 33.325 Besucher. Das die Eckdaten unserer jüngsten Spielzeit von September 2018 bis Juni 2019, gezählt nach verkauften Tickets. Das Konzept für eine Kirche der Kulturen hatten wir 2005 entwickelt, erstmals haben wir jetzt, und das deutlich, die Marke von 30.000 Besuchern übersprungen. Im Schnitt macht das 483 je Abend, es ist die für das Booking entscheidende Zahl: Das Kulturprogramm der Christuskirche ist ja nicht  -  und soll es nicht sein  -  auf Auslastung angelegt.  Es gibt Konzerte wie in der Reihe „urban urtyp“ , die sich sehr vorsätzlich an ein kleineres Publikum wenden. Zugleich ist die Christuskirche mit 854 Sitzplätzen größer als das Schauspielhaus, Räume dieser Größe brauchen, um zu wirken, schon ein paar Hundert Besucher je Abend. Die Zahl 483 zeigt: Der Schnitt stimmt. Und woher kamen die 33 325? Zu jeweils einem Drittel aus Bochum (38 %), dem Ruhrgebiet (32 %) sowie dem sonstigen NRW (17 %) plus einem nochmals größeren Radius einschl. Benelux (13 %). Der weitaus größte Teil dieser Besuche wiederum waren Einmal-Besuche: Anders als klassische Kulturhäuser arbeiten wir ohne Abonnements, „Einmaligkeit“ gehört hier zum Konzept. Auf eben diese Weise ist die Christuskirche zu einem Faktor im Stadt- und Kulturmarketing geworden. Zwei Zahlen sind erstaunlich, die eine: Es gibt nur 1,5 feste Stellen. Die andere: Es gab eine öffentliche Förderung in Höhe von 8 500 Euro durch die Stadt Bochum, das entspricht 0,25 Cent je Kulturbesuch. Die Umsatzsteuer, die wir entrichten, übersteigt die öffentliche Förderung erheblich. Gab es Highlights? Sicher, aber wie lässt sich Laibach mit Ute Lemper vergleichen? Brian Fallon mit Nils Landgren, Nathan Gray mit Julia Kadel? Die Christuskirche hat den Ruf, ein Raum zu sein für besondere Konzerte, genauer: ein Raum, der ein Konzert zu einem besonderen machen kann. Warum? Weil dieser Raum drei Qualitäten vereint: 

_ die architektonische: 1956 von Dieter Oesterlen entworfen, zählt der Raum zu den bedeutendsten Sakralneubauten des 20. Jahrhunderts.

_ die gottesdienstliche: Die Christuskirche erfüllt (als eine von wenigen Kirchen in Deutschland) alle Sicherheitsauflagen einer Versammlungsstätte, ist dabei aber nach wie vor dem Gottesdienst gewidmet. Meist gestellte Frage am Tresen: „Ist das eine richtige Kirche?“ Ja sicher.

_ die akustische: „Der Raum hat die Qualitäten eines Aufnahmestudios“, so lautete das Ergebnis eines Akustikgutachtens (2009). Jüngstes Beispiel: Chorwerk Ruhr, einer der besten Chöre Deutschlands, hat jetzt seine neue CD in der Christuskirche eingesungen.

Und sonst? Innerkirchlich wird gerne gefragt, was das soll. Das fragen wir uns auch jedesmal, wenn wir in der Christuskirche sitzen. Wo man  -  anders als die innerkirchlichen Infragesteller, die niemals in der Christuskirche sitzen  -  eine Erfahrung machen kann. Nämlich die, dass Gott die Welt erhält, um uns zu unterhalten.

Selbstbildnis mit Bonhoeffer: BDS am Rand des Kirchentags

Die Stadt Dortmund hatte darum gebeten, das Land Nordrhein-Westfalen, der Bundestag: Hört auf, BDS zu promoten. BDS, heißt es im Bundestagsbeschluss, ziele auf die „Brandmarkung israelischer Staatsbürgerinnen jüdischen Glaubens“, die Kampagne sei „scharf zu verurteilen“. Der Evangelische Kirchentag, vor zwei Jahren noch indifferent gegenüber BDS, hat jetzt entschieden reagiert und zwei BDS-Promoter vom Platz gestellt. Die daraufhin  -  als seien sie von Assad verfolgt  -  „Asyl“ erhalten haben in einer Dortmunder Gemeinde. Ulrich Duchrow, einer der beiden Deplatzierten: „Meine Frau arbeitet seit Jahren in der Asylarbeit, ich war mehrfach direkt beteiligt, ich hätte nie gedacht, dass ich selber einmal ins Kirchenasyl müsste.“ Das war ernst gemeint. Ein Selbstbildnis des BDS? Hier eine Bildbeschreibung: Etwa 120 Leute, kein Kommen kein Gehen, viel Freundlichkeit viel Einvernehmen. „Mit 62 bin ich einer der Jüngeren“, sagt einer, alle nicken. Treue Schar. Die Kirche eine Notkirche, 1948 aus Holz errichtet, heute denkmalgeschützt: Man sitzt in der eigenen Geschichte. Steht aber auf Seiten der Unterdrückten, denn dort zu stehen, das sei, ruft Chris Ferguson von der United Church of Canada, „faith imperative“. Folgt der Hinweis auf Dietrich Bonhoeffer. Der Vorsatz ist gut, die Wirklichkeit grau. Die Seitenwahl allerdings scheint immer schon gefallen zu sein, und um das zu erklären, müsse man, so der gastgebende Ortspfarrer, „tief in die Seelenlandschaft der deutschen Mentalität einsteigen“, dort läge die Antwort, sie laute:
„Wir Deutsche bewältigen unsere Vergangenheit auf Kosten der Palästinenser.“
Beifälliges Nicken, das scheint die Denkfigur zu sein in allen Köpfen: Weil Auschwitz, darum Israel, darum Nakba (s. Anm. unten). Bei FARID ESACK, muslimischer Religionswissenschaftler aus Südafrika, klingt diese Logik so: Rassismus zeige sich in
„Slogans wie … ‘Die Iren sind dumm‘ oder ‚Die Juden sind das auserwählte Volk.‘ Die Schrecknisse des Holocaust waren, ebenso wie andere Katastrophen der Menschheit, in einmaliger Weise entsetzlich. Aber eine Form des Rassismus  –  in diesem Fall den Antisemitismus  –  zu einer eigenen Klasse zu erheben, (…) ist in Wahrheit eine weitere Manifestation der privilegierten Stellung der Weißen.“
Ein Hütchenspiel, das er da betreibt, Iren und Juden, die Weißen und die Menschheit, der Holocaust und das Privileg, am Ende ruft er „haltet den Dieb!“ und zeigt auf wen? Auf Israel: Esack ist Vorsitzender des südafrikanischen BDS und einer der beiden, die der Kirchentag ausgeladen hat. Jetzt der andere, ULRICH DUCHROW, linkstheologischer Professor em., der sich in Dortmund im „Kirchenasyl“ wähnt: Er erklärt, der jüdisch-christliche Dialog, den er lange Jahre selber mit geprägt habe, sei „zu einem Deal geworden: Wir Deutsche dürfen wieder teilnehmen, weil wir Buße tun, dafür müssen wir zu Israel schweigen“. Das klingt wie Martin Walser von vor 20 Jahren mit dem Unterschied, dass sich Duchrow ausdauernd zu Israel äußert. Und an dieser Stelle kommt der Verfolgungswahn ins Spiel, es wird bizarr. Duchrow:
„Die Instrumentalisierung der Schuldgefühle der Deutschen ist das zentrale Problem. In Deutschland werden wir massiv manipuliert!“  
Wen meint er, wer manipuliert? „Die Hasbara!“ Ist was? „Das großzügig finanzierte und finanzierende Propagandaprogramm des israelischen Außenministeriums …“ Duchrow wird konkret: „100 Mio Dollar!“ Das sind umgerechnet 88 Mio Euro, kurzer Blick ins Wikipedia: Das Jahresbudget allein des Goethe-Instituts, Teil der auswärtigen Kulturpolitik hierzulande, belief sich 2015 auf 387 Mio €, das ist ein Vierfaches. Aber es geht nicht um Goethe, es geht darum, was Juden mit Geld in Deutschland anstellen: „Die Antideutschen!“ Duchrow schiebt gleich nach: „Kann ich Ihnen nicht erklären, schlagen Sie es unbedingt nach, es ist sehr wichtig. Die Antideutschen haben zwei Glaubenssätze, erstens: Israel hat immer recht, zweitens: USA hat immer recht. Sie definieren sich als Linke, nehmen aber rechtsextreme Positionen ein.“ Und dann? „Schaffen sie eine Ebene kollektiven Drucks, bestimmte Tabus nicht zu berühren.“ Wie das? „Hetzjagd gegen mein Buch.“ Was noch? „Ausschluss vom Kirchentag.“ Noch mehr? „Bundestagsbeschluss gegen BDS.“ Einen solchen Einfluss haben die, wie kann das sein? „Feliks!“ Feliks? Duchrow meint es ernst:
„‘Feliks‘ dringt in Wikipedia-Artikel ein, um dort negative Eintragungen bei israelkritischen Personen und positive bei kritiklosen Unterstützern des Staates Israel zu lancieren.“
Das alles ist kein Witz, alle Zitate sind auf dem Podium in Dortmund gefallen oder eben nachzulesen im Vorwort zu Duchrows jüngstem Buch (hier klicken), das der Verlag rechtzeitig stoppen konnte und das jetzt in Kleinstauflage kursiert. Es hat etwas Unheimliches, wenn ein Mann, der sein Leben lang veröffentlicht hat, an eine „Hetzjagd“ glaubt, weil ein Verriss erschienen ist in einer theologischen Fachzeitschrift, ein Interview im DLF, ein Kommentar in der WELT, dann dringt „Feliks“ in Wikipedia ein, Volker Beck in DIE ZEIT und Micha Brumlik in die TAZ:
"Es drängt sich der Eindruck einer orchestrierten Kampagne auf. Der Kontext solcher Kampagnen ist das Propagandaprogramm des israelischen Außenministeriums“.
Schreibt Duchrow. Und erklärt auf dem Podium in Dortmund:
„Wir werden in Deutschland missbraucht von diesen Kräften.“
Ist sowas antisemitisch? Sagen wir so: Es ist BDS.
  Anmerkungen 1  |  Nakba, dt. Katastrophe oder Unglück, ist der palästinensische Begriff für Flucht und Vertreibung in Folge des arabischen Angriffskrieges auf Israel 1948. In der konditionalen Reihung Auschwitz-Israel-Nakba liegt ein zweifacher Fehlschluss: Dass es Israel gibt, weil es Auschwitz gab, ist falsch, die Staatsgründung geht weit hinter Auschwitz zurück, die jüdische Präsenz im Land noch sehr viel weiter. Dass die Gründung Israels Ursache der Nakba sei, ist abermals falsch: Ursache war die Entscheidung der arabischen Staaten, keinen palästinensischen Staat zu dulden, sondern den jüdischen Staat mit Krieg zu überziehen. 2 | Der Text mit Duchrows Verschwörungstheorie: hier klicken.
Beitrag zuerst erschienen auf RUHRBARONE.de
 

War Jesus auf dem Kirchentag?

Ein Film von Christoph Böll, Interviews Ayla Wessel

gibt es bei Böll-Filmproduktionhttps://www.youtube.com/watch?v=jOsb4WiUWXY
Trailer zu "Vere homo",der Film ist von Christoph Böll, die Interviews hat Ayla Wessel geführt, gefragt wurden Dortmunder. Bekannte und weniger bekannte, Kay Voges ist dabei und Sabine Brandis, Stefan Keim und Fritz Eckenga, vor allem aber Nonames mit Gesicht und einer Antwort auf die Frage: Kommt Jesus auch zum Kirchentag? Und dann ... man sieht und hört und schließt ins Herz, ob sie nun fromm sind oder lästern, gewiss sind oder zweifeln, das hier ist nur ein Trailer. [Den kompletten Film (90 min, 10 €) gibt es bei Böll-Filmproduktion.] 

Perfect Day

Tom Gaebel & Orchestra | 29. August

Intonation und Phrasierung, Jazz-Sentiment und Pop-Gestus, großes Entertainment und sublime Grandezza  —  und das aus Gelsenkirchen? Ja, Gaebel aus GE beweist, dass es das, was eine liberale Gesellschaft am nötigsten hat, weil es alle verbiesterten Fundis verspottet  -  Leichtigkeit, Zuversicht, gute Laune  -  dass es das überall gibt und jeden Tag: Der perfekte Tag jedenfalls bricht immer da an, wo Gaebels Karriere begann, morgens unter der Dusche. Abends dann in die Christuskirche, hier alle Infos und Tickets zum Konzert.

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