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Mosaik mit den Namen von im WK I gefallenen Bochumern (Ausschnitt)

In der Coronära bleiben auch Denkmäler geschlossen. Hoffen wir auf 2021, das Thema des kommenden Tags des offenen Denkmals steht bereits fest, es geht um “Sein & Schein – in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege”.

Genauer: Es wird um das Scheinbare und Unscheinbare gehen, um das Rekonstruierte und das Vorgetäuschte, das Originale und sein Zitat. Hier schon mal ein erstes Beispiel:

Die Gedenkhalle in der Christuskirche Bochum. Hier sind die Namen von 1358 Bochumern, die im I. Weltkrieg gefallen waren, in Mosaik gelegt, daneben die Namen der “Feindstaaten Deutschlands” und über allem eine Wolendecke, durch die hindurch Männer  –  ohne Uniform, alle in ziviler Kleidung  –  einer Christusfigur hingezogen werden.

 

Beschädigungen im Mosaik

Der Raum, vollständig als Mosaik ausgekleidet, wurde im März 1931 eingeweiht, diente die Nazi-Zeit über  –  von den Nazis selber wurde er gemieden  –  als eine Art Empfangsraum der Kirche. Als sie 1943 zerstört wurde, blieb der Turm mit seinem Mosaik erhalten, der Architekt der neuen Christuskirche, Dieter Oesterlen, bezog ihn  –  und den Bruch mit dem, was eingelagert ist in ihm  –  in seinen Entwurf mit ein. Irgendwann in den 60er Jahren gereit der Raum in Vergessenheit, irgendwann in den 70er Jahren wurde zu Lagerraum für Chorpodeste, Stühle und allerlei Zeugs … 

Und aus eben dieser Zeit, den 70er und 80er Jahren bis in die 90er hinein, stammen die Beschädigungen im Mosaik. Es sind keine Kriegsschäden, wie man denken könnte, sondern Folgen des Hantierens und Rangierens mit Podesten, Stühlen und Stativen.

Ignoranz? Das, was wir oral history nennen, hat sich erst in den 80er Jahren entwickelt, langsam nur ist seitdem ein Gespür entstanden für das, was ein bauliches Erbe wie diese Gedenkhalle bewahrt. Was uns heute so selbstverständlich scheint  –  dass Gebäude Bedeutungen bergen, dass man sie lesen kann wie ein Buch  –  war vor 30 und 40 Jahren neu, war fremd, ein unbekanntes Empfinden.

Was tun mit diesen Bruchstellen im Mosaik? Soll man sie ausbessern oder erhalten? Soll man sie dem Gesamteindruck des Raumes anähneln, sie harmonisieren oder den Umgang mit der Geschichte, den Bruch und den “Bruch” mit ihr, dokumentieren?

 

Ausbesserung einer Beschädigung

Das Foto oben zeigt: Ja, ein guter Restaurator kann die Bruchstellen harmonisieren. Der Schein, der so entsteht, ist in der Tat schön, weil unscheinbar. Man muss schon dicht heran gehen mit dem Auge, um zu erkennen, was Original ist und was so tut als ob. 

In der Charta von Venedig sind seit 1964 internationale Richtlinien zur Denkmalpflege festgelegt, der Artikel 12 lautet:

“Die Elemente, welche fehlende Teile ersetzen sollen, müssen sich dem Ganzen harmonisch einfügen und vom Originalbestand unterscheidbar sein, damit die Restaurierung den Wert des Denkmals als Kunst und Geschichtsdokument nicht verfälscht.”

Sich harmonisch einfügen, aber unterscheidbar bleiben, das klingt fast wie eine Formel für Integrationspolitik.  Wir haben uns, als wir die Gedenkhalle 2003/04 restauriert haben, allerdings dafür entschieden, die Geschichte, die dieser Raum erzählt  –  auch die der 70er und 80er und 90er Jahre  –  deutlich sichtbar zu lassen. Wenn dieser Gedenkraum, in dem heute der Platz des europäischen Versprechens beginnt, einen harmonischen Gesamteindruck macht, dann nur durch die Brüche hindurch, die er dokumentiert.

 

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Christuskirche Bochum
Kirche der Kulturen
Platz des euro­päi­schen Versprechens
44787 Bochum