Bugge Wesseltoft

It's Snowing On My Piano | Dienstag 30. November 20 Uhr

Bugge Wesseltoft auf dem Kongsberg Jazz Festival 2010 - Foto: Maren Edvardsen

Maren Edvard­sen | Kongs­berg Jazz Festival

Wie etwas beschrei­ben, das so für sich ist und so intim wie das, was Bugge Wes­seltoft mit alten Weih­nachts­lie­dern macht? Es gibt nur ihn und sein Kla­vier, es klingt sakral und wie­der nicht, es ist Cho­ral und ist ver­spielt, es ist bedacht und es ist Jazz. So nackt ist das und bloß, wie je ein Kind in einer Krippe war. Und so ähnlich war es auch: Als er die Weih­nachts­lie­der ein­ge­spielt hat, saß Wes­seltoft am Flü­gel mit sei­ner klei­nen Toch­ter auf dem Schoss. Da gibt es schöne Bil­der von, wie Maren hört und staunt, wie wir jetzt stau­nend hören. Ganz ruhig und selig, ohne rühr­se­lig zu sein. Licht und leicht ist das und atmo­sphä­risch dicht wie Schnee, der aus dem Nacht­him­mel in Nor­we­gen fällt.

Wie macht er das nur, diese Stim­mung, diese intime Inten­si­tät? Viel­leicht sind es die Pau­sen, die er macht, es sind die schöns­ten, die ich je gehört habe. Jede von ihnen lässt mehr erfah­ren als andere in einen Kon­zert­abend schüt­ten. Uner­klär­lich schön, sein Spiel mit dem Kla­vier, und weih­nachts­wun­der­sa­mer­weise wird es nie kit­schig, wirk­lich nie.

„Bugge Wes­seltoft hat die schönste Weih­nachts­platte auf­ge­nom­men, die ich je gehört habe.“

Schrieb DAGBLADET, die größte Tages­zei­tung Nor­we­gens, als die CD vor 13 Jah­ren erschien. Seit­dem wurde sie an die 100 tau­send­mal ver­kauft, „It’s Sno­wing On My Piano“ ist eine der erfolg­reichs­ten Jazz-CDs über­haupt, aber:

Live hat Wes­seltoft die­ses Pro­gramm in 13 Jah­ren erst 1 x gespielt (und das war, als Nils Land­gren ihn bat, zum ers­ten Christ­mas With My Fri­ends“ nach Stock­holm zu kom­men). Nun aber und jetzt im Jahr des HErrn 2010:

5 Kon­zerte in 3 Län­dern und 1 davon bei uns! Die WAZ neigt nicht zur Übertreibung:

„In ihrer fast über­ir­di­schen Schön­heit“, schrieb Wolf­gang Platz­eck, „ist dies die größte Weihnachts-CD, die der zeit­ge­nös­si­sche Jazz je her­vor­ge­bracht hat.“

Mehr Vor­freude geht nicht.

Ardy Strüwer: It's Snowing On My Piano -  CD-Cover ACT Music 1997

Ardy Strüwer | Act Music

Der Nor­we­ger, 1964 gebo­ren, ist einer der wich­ti­gen Impuls­ge­ber für den  euro­päi­schen Jazz: Mas­ter­mind einer gan­zen Gene­ra­tion von Musi­kern, die Elek­tro­nik mit Jazz verschmelzen:

„Wal­king on stage with only an elec­tro­nic beat as the basic ele­ment in a song. It lea­ves it all up to us to create spon­ta­neous music and a good spi­rit. I say it’s jazz.“

Seine New Con­cep­tion of Jazz hat er ein­mal im Inter­view mit Jazzt­he­tik als ein „Gefühl für Trance“ beschrie­ben, das er der Maschine ver­dankt und sei­ner Impro­vi­sa­tion erschließt:

Das Pro­gramming ist die Vor­aus­set­zung für Impro­vi­sa­tion. Impro­vi­sa­tion setzt ein, wenn alle not­wen­di­gen Sounds zur Ver­fü­gung stehen.

Und dann beginnt das, was der Elek­tro­nik Leben beibringt:

Ich finde es unge­heuer lang­wei­lig, wenn jemand ewig auf einem Saxo­fon oder einem Kla­vier über ein bestimm­tes Motiv phra­siert. Für mich war es gera­dezu eine Erlö­sung, als ich her­aus­fand, dass man auch mit Tech­no­lo­gie impro­vi­sie­ren kann. Elec­tro­nics klin­gen stets dann inter­es­sant, wenn man sie über ihre Gren­zen hin­aus­führt. Ich habe viel über die Kom­bi­na­tio­nen bei­der Klang­prin­zi­pien gelernt. Man muss dabei vor­sich­tig sein, denn noch lang­wei­li­ger als eine end­lose Solo-Improvisation ist eine end­lose Impro­vi­sa­tion über einer Drum-Machine. Wir sind immer noch ganz am Anfang der Mög­lich­kei­ten, die sich aus der Kom­bi­na­tion von akus­ti­scher und elek­tro­ni­scher Musik erge­ben. Allein schon des­halb, weil sich die Tech­no­lo­gie rasant wei­ter entwickelt.

Das sagte er 2004, da hatte er mit sei­nem Label Jazz­land der Szene längst eine eigene Platt­form geschaf­fen. Das Ziel: künst­le­ri­sche Frei­heit abseits des Main­streams ermöglichen.

„Meine Gene­ra­tion und die jün­ge­ren Musi­ker haben erkannt, dass es mög­lich ist, künst­le­ri­sche Eigen­stän­dig­keit zu bewah­ren und trotz­dem Aner­ken­nung zu finden.“

Gleich­zei­tig arbei­tet Wes­seltoft seit vie­len Jah­ren mit ACT Music zusam­men, dem Label, das sehr erfolg­reich darin ist, Jazz in den Struk­tu­ren des Pop zu ver­mark­ten: Nach öffent­li­chem Voting auf Jazzting.de wurde ACT im Mai hier in Bochum mit dem ECHO-Jazz aus­ge­zeich­net. Auch „It’s Sno­wing On My Piano“ geht auf die Initia­tive von Siggi Loch zurück, dem Act-Produzenten: Der hatte das gleich­na­mige Bild des ame­ri­ka­ni­schen Künst­lers Ardy Strüwer 1997 in der Woh­nung von Nils Land­gren gese­hen und Wes­seltoft am nächs­ten Tag gebe­ten, ein­mal dar­über zu impro­vi­sie­ren  -  „with Christ­mas in my mind“. Bugge hatte natür­lich seine kleine Toch­ter im Kopf, ein paar Wochen spä­ter tra­fen sich alle zusam­men in einem Stu­dio, und Bugge begann zu improvisieren …

Dann wurde die Platte mit Hym­nen über­schüt­tet, jetzt ist sie  -  noch vor e.s.t.  -  die best­ver­kaufte bei ACT, hat Pla­tin usw., aber das erklärt alles nichts: Es ist Minimal-Art und große Kunst und unerklärlich.

 

» Hier noch ein Link: Bugge Wes­seltoft mit Hen­drik Schwarz, dem Ber­li­ner Elek­tro­nik­künst­ler und Deep-House-Produzenten, den wir hier auch so gerne ein­mal hören würden …

Artikel am 20. November 2010 um 21:20 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Konzerte | Trackback: Trackback URL.


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