Mit dem Überfall auf Polen begann der Zweite Weltkrieg. Eine Woche vorher hatte Deutschlands Reichskanzler „größte Härte“ von seinen Soldaten gefordert, „Verfolgung bis zur völligen Vernichtung“. Mehr als sechs Millionen polnischer Bürger wurden ermordet, drei Millionen von ihnen waren Juden. Weit über eine Million Polen wurde zur Zwangsarbeit verschleppt, viele von ihnen ins Ruhrgebiet. 4 Vernichtungslager wurden in Polen errichtet, 4 Konzentrations– und 1798 Arbeitslager: Kein anderes Land wurde derart von Deutschen heimgesucht wie Polen.
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz, polnisch Oświęcim, von Soldaten der Roten Arme befreit. Seitdem ist der deutsche Name des polnischen Ortes zum Inbegriff geworden für ein Verbrechen, dessen Unmaß unvorstellbar bleibt. Vor fünf Jahren haben die Vereinten Nationen den 27. Januar zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“ erklärt.
Im Bundestag wird der Tag seit 1997 als „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen, im öffentlichen Bewusstsein allerdings findet er nur wenig Beachtung: Zu schwer lastet offenbar die Erinnerung daran, dass es neben ungezählten Opfern auch unzählige Täter gab.
66 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz aber bedeutet Verantwortung, sich allererst anzunähern an das, was unbegreiflich bleibt - es ist, so oder so, die eigene Geschichte: Etwa ein Drittel von uns, die heute im Ruhrgebiet leben, dürfte polnische Vorfahren haben.
Aus dieser deutsch-polnischen Geschichte heraus arbeitet heute die Künstlerinitiative KOSMOPOLEN im Revier. Gemeinsam mit ihnen laden wir dazu ein, den 27. Januar als Tag der Befreiung zu begehen: mit Texten der polnischen Erinnerung, von den Kosmopolen zusammen gestellt und gelesen, und mit der Musik von KROKE, dem polnischen Trio, das durch Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ bekannt geworden ist.
Kroke - der Name ist jiddisch für Krakau, die Stadt war eines der bedeutendsten Zentren jüdischer Kultur, bis die Deutschen kamen - hat eine sehr polnische Weise entwickelt, die jüdische Tradition der Stadt fortzusetzen: Die drei bauen ihre Musik auf dem Klezmer auf, arrangieren und improvisieren das Material aber so, dass etwas Neues entsteht, das anders ist als Klezmer– oder Weltmusik, anders auch als Klassik oder Avantgarde, ihre Musik ist kosmopolitisch.
Sie selber nennen, was sie tun, „neue polnische Musik“: sehr reduziert und meditativ, technisch brillant und dadurch reich an Farben, an Geschichten und Gefühlen. Musik, die emotionales Begreifen ermöglicht. //
» Mit Tomasz Kukurba (viol, voc) Tomasz Lato (double bass), Jerzy Bawol (acc)
» 10 Eur | bis 25 Jahre 5 Euro | Kinder bis 14 Jahre frei
» Reservierungen an info@christuskirche-bochum.de oder kosmopolen@arcor.de
» Der Abend wird unterstützt von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit / Projekt wspierany przez Fundacje Wspolpracy Polsko Niemieckjej sowie dem Polnischen Institut Düsseldorf.



Ein Kommentar
Klaus Matthes | Geschrieben am 11. Februar 2011 um 18:08 | Permalink
Der Abend war für uns auch deshalb etwas Besonderes, weil wir — zufällig? –neben einer Frau sitzen, die als Kleinkind (1Jahr alt)ein KZ in der Ukraine überlebt hat. Nach dem Konzert kommen wir mit ihr ins Gespräch. Wir stellen fest, dass wir beide 1940 geboren sind. Sie erlebt die Unmenschlichkeit von Krieg und Holocaust sofort am Anfang ihres Lebens. Und die Zeit nach der Befreiung des KZ im Jahr 1944 war für sie ebenfalls eine harte Zeit. Wir tauschen Erfahrungen miteinander aus.
Den Krieg und seine Schrecken erlebe ich als 5 Jähriger auf der Flucht aus Ostpreußen über das Frische Haff im Februar 1945 mit Tieffliegerangriffen und vielen eingebrochenen Wagen im Eis. Mein 1. Besuch eines KZ findet ebenfalls im Februar 1945 statt — in Stutthoff. Dort sollte unser Treck in bereits leerstehenden Baracken übernachten, obwohl im hinteren Teil des Lagers noch Menschen gefangen gehalten werden. Der Treck weigert sich, dort zu übernachten. Dass sich dort noch Häftlinge befinden, erfahre ich allerdings erst Anfang der 90er Jahre bei einem Besuch in Stutthoff. Von der verweigerten Nacht in Stutthoff weiß ich aus den Erinnerungen meiner Mutter.
Gut, dass die Christuskirche Bochum den 27.Jan. jedes Jahr so eindrücklich begeht. Meines Wissens geschieht das sonst nicht im Ruhrgebiet. Der 27.Jan. 2012 ist bereits in meinem Kalender markiert.