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„Sie bringen sie alle um, alle Juden. - Alle Juden? Aber ich bitte Sie, das ist doch nicht möglich, warum sollten sie alle Juden umbringen?“
Pessia Aranowitsch, einer jungen Frau aus Wilna, gelingt es im September 1941, aus Ponar zu entkommen, einem Waldgebiet südlich der Stadt, wo deutsche Erschießungskommandos massenmorden. Schwerverletzt flieht sie nach Wilna zurück und berichtet, dass Ponar kein Arbeitslager sei, sondern ein Massengrab. Niemand ist bereit, ihr zu glauben: „Ich bitte Sie, warum sollten sie …“
Beinahe alle, die überlebt haben, schrieb Primo Levi später, erleben diesen Albtraum ihr Leben lang. Dass niemand hört, was berichtet wird, und niemand glaubt, was gehört wird. Warum sollten sie alle umbringen, alle Juden, alle Sinti, alle Roma?
Die Frage bleibt ohne Antwort, sie erschüttert eine Gewissheit, die jedem Tun und Denken zugrunde liegt: dass sich Interessen ausmachen ließen, irgendeine Zweckmäßigkeit, irgendein noch so erbärmliches Motiv. Es gibt das alles nicht, es gibt keine Ratio in diesem Morden.
Zwar lässt sich beschreiben, wie das System der Vernichtung funktioniert hat, aber der Zivilisationsbruch ist akademisch nicht zu kitten. Keine Wissenschaft reicht heran an ein Universum, in dem die Fabrikation von Leichen die Regel war, das Überleben Einzelner dagegen blinder Zufall.
Seitdem ist die Erinnerung zu etwas geworden, was so noch nie zu fürchten war. Unerträglich der Versuch, dem unerträglich sinnlosen Leiden sich einzufühlen. Was Millionen von Menschen erfuhren, bleibt der Erfahrung heute versperrt.
Und doch wäre diese Distanz zu überwinden, wenn anders Auschwitz ein Mysterium würde und die Erfahrung der Opfer im Off der Geschichte entsorgt. So unmöglich es ist, sich zu erinnern, als sei es das eigene Erleben, so notwendig ist der Versuch, sich einer Erinnerung wenigstens anzunähern.
So weit dies überhaupt möglich ist. „Ich besiege Hitler jeden Tag“, sagte Coco Schumann, der legendäre Swing-Gitarrist, als er zum TAG DER BEFREIUNG in der Christuskirche spielte.
In 2012 mussten haben wir, weil wir die in der Christuskirche geplante Veranstaltung leider absagen mussten, die Erinnerung mit der Jüdischen Gemeinde geteilt.
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