Tag der Befreiung

27. Januar: Befreiung von Auschwitz | Tag des Gedenkens an die Ermordeten, die Widerständigen, die Überlebenden

Coco Schumann am 27. Januar 2002, Tag der Befreiung von Auschwitz, in der Christuskirche

Coco Schu­mann [1924 — 2018] bei sei­nem Kon­zert in der Chris­tus­kir­che | lichtblick-fotos.de

Im Sep­tem­ber 1941 gelingt es Pes­sia Ara­no­witsch, aus Ponar zu ent­kom­men, einer park­ähn­li­chen Land­schaft süd­lich von Wil­na, hier mas­sen­mor­den deut­sche Kom­man­dos. Schwer­ver­letzt berich­tet sie ihrem Arzt, dass Ponar kein Erho­lungs­park sei, son­dern ein Mas­sen­grab:

„Sie brin­gen sie alle um, alle Juden.“

Dar­auf Dr. Gins­berg:

„Alle Juden? Aber ich bit­te Sie, das ist doch nicht mög­lich, war­um soll­ten sie alle Juden umbrin­gen?“

Die­se Reak­ti­on erlebt, wer über­lebt hat, sein Leben lang, schrieb Pri­mo Levi nach sei­ner Befrei­ung, es ist ein wie­der­keh­ren­der Alb­traum: dass nie­mand hört, was berich­tet wird, dass nie­mand den Zeu­gen glaubt. War­um auch soll­ten alle umge­bracht haben, alle Juden, alle Sin­ti, alle Roma?

War­um? Die Fra­ge erschüt­tert bis heu­te eine Gewiss­heit, die jedem Tun und Den­ken zugrun­de liegt: die Gewiss­heit, dass sich Inter­es­sen aus­ma­chen las­sen, irgend­ei­ne Zweck­mä­ßig­keit, ein noch so erbärm­li­ches Motiv. Es gibt das alles nicht, es gibt kei­ne Ratio in die­sem Mor­den. Zwar lässt sich beschrei­ben, wie das Sys­tem der Ver­nich­tung funk­tio­niert hat, der Zivi­li­sa­ti­ons­bruch lässt sich damit nicht kit­ten. Wie eine Welt begrei­fen, in der es nor­mal war zu mor­den und blin­der Zufall, wenn Ein­zel­ne über­leb­ten?

Und doch hat es hat die­se Welt gege­ben, des­halb hat sich Erin­ne­rung ver­än­dert. Ihr Nost­al­gie­fak­tor trügt, Erin­ne­rung ist das, was so noch nie zu fürch­ten war. Uner­träg­lich der Ver­such, dem uner­träg­lich sinn­lo­sen Lei­den sich ein­zu­füh­len. Was Mil­lio­nen von Men­schen erfuh­ren, bleibt der Erfah­rung heu­te ver­sperrt. Und doch wäre die­se Distanz zu über­win­den, wenn anders Ausch­witz zum Mys­te­ri­um wür­de und die Erfah­rung der Opfer im Off der Geschich­te ent­sorgt. So unmög­lich es ist, sich zu erin­nern, als sei es das eige­ne Erle­ben, so not­wen­dig ist der Ver­such, sich einer Erin­ne­rung wenigs­tens anzu­nä­hern.

Chronologie 2018 — 2001

2018  |  CHRIS HOPKINSGYPSY SWING & ART TONE TRIO
„Wir müs­sen uns um die Stim­mung in unse­rer Stadt küm­mern“. Bochums Kul­tur gegen anti­se­mi­ti­schen Hass

2017  |  TEREM QUARTET
Der stil­le Völ­ker­mord: Lenin­grad

2016  |  SIMONE VEIL 
[Absa­ge wg. Erkran­kung]

2015  |  GIORA FEIDMAN
„Eine Stim­me geben denen, die über­lebt haben“

2014  |  THEODOR MICHAEL
„Deutsch sein und schwarz dazu“

2013  |  GYÖRGY KONRÁD
„Glück — elu­t­a­zás és haza­té­rés“

2012  |  JUDITH KERR
[Absa­ge wg. Erkran­kung]

2011  |  KROKE | KOSMOPOLEN
Ver­fol­gung und Wider­stand der Polen

2010  |  MARIANNE UND PETRA ROSENBERG
Ver­fol­gung und Wider­stand der Sin­ti und Roma

2009  |  MARCEL REICH-RANICKI
[Absa­ge wg. Erkran­kung]

2008  |  ROMA LIGOCKA
„Das Mäd­chen im roten Man­tel“

2007  |  ELLA MILCH-SHERIFF
„Ist der Him­mel leer?“

2006  |  MENSCHENSINFONIEORCHESTER
„Schwar­zer Win­kel: Ver­fol­gung von ‚Aso­zia­len‘“

2005  |  SCHÖNBERGMAHLERWEILL
„Ver­fem­te Musik“

2004  |  MICHAEL DEGEN
„Nicht alle waren Mör­der“

2003  |  BENTE KAHAN
„Home — Jüdi­sche Lie­der Euro­pas“

2002  |  COCO SCHUMANN
„Der Ghet­to-Swin­ger“

2001  |  GIORA FEIDMAN
„Dance of Joy?“

Bochums Kultur gegen antisemitischen Hass | 2018

Chris Hop­kins, Joscho Ste­phan, Chris­ti­an Ramond by Sabi­ne Mich­a­lak

Der Tag der Befrei­ung steht stell­ver­tre­tend für Hun­der­te Tage, an denen Tau­sen­de Lager befreit wor­den sind, Ghet­tos und Fol­ter­kel­ler gab es über­all in Euro­pa. Und über­all in Euro­pa bricht heu­te, ein Men­schen­le­ben spä­ter, der Hass neu auf. Der Hass auf Juden, auf Sin­ti und Roma, auf alle, deren „Exis­tenz­recht“ auch mal in Fra­ge gestellt wird, so wie man es mit dem der Israe­lis tut. Die öffent­li­che Stim­mung ver­än­dert sich, Ende 2017 hat die Jüdi­sche Gemein­de Bochum ihren Mit­glie­dern gera­ten, auf den Stra­ßen die­ser Stadt kei­ne Kip­pa mehr zu tra­gen. „Das habe wir uns nicht vor­stel­len kön­nen, dass es in Bochum dahin kommt. Wenn wir das akzep­tier­ten, gäben wir uns sel­ber auf.“ Aus der Bestür­zung Ein­zel­ner wur­de ein Abend vor vol­lem Haus, das State­ment einer Stadt. Mit Chris Hop­kins und Esther Münch, Joscho Ste­phan und Janet Boram Lee, Tho­mas Anzen­ho­fer und Loui­sa Spahn, Tho­mas Eis­kirch und Gerald Hag­mann, Ursu­la Hrdi­no­va und 850 Bochu­me­rin­nen und Bochu­mern.  —  Der Abend sel­ber war als Hom­mage an Coco Schu­mann ange­legt, er wur­de zum Tag, an dem Coco starb. Zichro­no liv­racha, möge sein Geden­ken ein Segen wer­den.
 

Terem Quartet | 2017

Terem Quar­tet, St. Peters­burg

Sankt Peters­burg ist so groß wie das Ruhr­ge­biet  —  ist es vor­stell­bar, eine Mil­lio­nen­stadt „vom Erd­bo­den ver­schwin­den zu las­sen“? Eben die­ser Befehl ergeht im Dezem­ber 1940, deut­sche Mili­tärs ent­wi­ckeln eine Idee: Könn­te man Lenin­grad nicht abrie­geln wie ein KZ, dann die Lager­häu­ser zer­stö­ren, dann die Ener­gie- und Was­ser­wer­ke, dann abwar­ten? 900 Tage hat gedau­ert, was heu­te zur „Blo­cka­de“ ver­nied­licht wird: Die „Blo­cka­de von Lenin­grad“ war ein Geno­zid, die Stadt soll­te nicht zur Auf­ga­be genö­tigt, sie soll­te aus­ge­hun­gert wer­den. Weit über eine Mil­li­on Men­schen wur­den ermor­det. Das Terem Quar­tet aus St. Peters­burg  —  das berühm­tes­te Folk-Quar­tet Russ­lands  —  erin­nert ein uner­mess­li­ches Leid. Ist die­se Erin­ne­rung eine gemein­sa­me, eine euro­päi­sche?  //  Wegen Erkran­kung eines Mit­glieds des Ensem­bles muss­te das Kon­zert zwei Tage vor­ab abge­sagt wer­den.

 

Giora Feidman | 2015

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Gio­ra Feid­man in der Chris­tus­kir­che | Foto Sabi­ne Mich­a­lak

Dass die Ermor­dung der Juden Euro­pas gestoppt wer­den konn­te, ist ein Men­schen­le­ben her. Die Zeit­zeu­gen ster­ben  —  im sel­ben Moment bricht in Euro­pa ein neu­er Anti­se­mi­tis­mus auf. Bei den Ter­ror­an­schlä­gen in Paris waren sechs der Opfer Juden. „Es ist eine Fra­ge der aktu­el­len Poli­tik gewor­den, ob wir die Erin­ne­rung bewah­ren oder nicht“, sag­te Super­in­ten­dent Peter Scheff­ler zur Eröff­nung:

„Frü­her haben die Berg­leu­te, wenn sie ein­fuh­ren, Kana­ri­en­vö­gel mit­ge­nom­men. Kana­ri­en­vö­gel reagie­ren sen­si­bel auf gif­ti­ge Gase, sie ster­ben als ers­te, bevor alle ande­ren ster­ben. ‚Wir Juden sind die Kana­ri­en­vö­gel der Gesell­schaft‘, sag­te jetzt René Bou­zier, der in Paris lebt. ‚Wenn wir ange­grif­fen wer­den, ist es ein Zei­chen dafür: Die gan­ze Gesell­schaft ist in Gefahr.‘  —  Ja, das ist so. Wir sind in Gefahr. Des­halb erin­nern wir uns. Dass die Ermor­dung der Juden Euro­pas gestoppt wer­den konn­te, ist nur ein Men­schen­le­ben her.“

Vor 15 Jah­ren hat­te Gio­ra Feid­man die Rei­he „Zum Tag der Befrei­ung“ eröff­net, zum 70. Jah­res­tag der Befrei­ung spielt er, fast 80-jäh­rig, erneut, sein Spiel ist „kunst­voll, lyrisch und beseelt in den feins­ten Nuan­cen“, so die WAZ. Feid­mans Kla­ri­net­te erin­nert das Lachen derer, die nicht mehr lachen kön­nen, ihr Wei­nen, ihre Freu­de, die Kla­ge, die Stil­le.

 

 Theodor Michael | 2014

Foto (c)-Ayla Wessel_KULTURAGENTUER 372

Theo­dor Micha­el by Ayla Wes­sel | Kul­tur­agen­tüer

Als die Nazis 1935 ihr „Gesetz zum Schutz des deut­schen Blu­tes“ erlas­sen, ist Theo­dor Micha­el 10 Jah­re alt. Sein Vater stammt aus Kame­run, der ehe­mals deut­schen Kolo­nie, sei­ne Mut­ter aus dem preu­ßi­schen Posen, plötz­lich gilt der Ber­li­ner als „art­fremd“. Sei­ne Geschwis­ter schaf­fen es, aus Nazi-Deutsch­land raus zu kom­men, er sel­ber bleibt, auf sich allein gestellt, in Ber­lin zurück. Ohne Pass, ohne Aus­bil­dung und ohne Chan­ce unter­zu­tau­chen:

„Wohin hät­te ich schon flüch­ten kön­nen mit mei­nem Gesicht?“

Er tritt die Flucht nach vor­ne an und spielt als Kom­par­se in Ufa-Fil­men mit, in denen sich Nazis als „Her­ren­volk“ insze­nie­ren. 1943 wird er zur Zwangs­ar­beit in ein „Fremd­ar­bei­ter-Lager“ ein­ge­wie­sen  —  als ein­zi­ger Deut­scher unter den vie­len Euro­pä­ern:

„Ich pass­te wie­der ein­mal nir­gend­wo­hin. Für Leu­te wie mich hat­ten nicht ein­mal die Nazis eine Schub­la­de.“

Theo­dor Micha­el über­lebt die Zwangs­ar­beit, die Will­kür, den Hun­ger  —  und macht, kaum befreit, die bit­te­re Erfah­rung: Die Nazis sind weg, ihr Ras­sis­mus ist geblie­ben. Er kämpft sich durch, stu­diert, eta­bliert sich als Jour­na­list und wird schließ­lich von „mei­nem schwie­ri­gen Mut­ter­land“ in sei­nen Dienst beru­fen  —  „als ers­ter schwar­zer Bun­des­be­am­ter im höhe­ren Dienst“.

Ein deut­sches Jahr­hun­dert. Erst jetzt hat der Elder Sta­tes­man der afro­deut­schen Sze­ne, 89 Jah­re alt, sei­ne Geschich­te erzählt: „Deutsch sein und schwarz dazu“.

» Hin­ter­grund 1: „Hagen­becks Traum“
» Hin­ter­grund 2: „Fabris Hoff­nungs­bild“
» Hin­ter­grund 3: „Carl Peters Wün­sche“

György Konrád | 2013

 

Europa heißt, sich einzufühlen in den, der man nicht ist: György Konrád während seiner Lesung zum Tag der Befreiung

Györ­gy Kon­rád wäh­rend sei­ner Lesung zum Tag der Befrei­ung

Ein gro­ßer Schrift­stel­ler, ein gro­ßer Euro­päer: Györ­gy Kon­rád, 1933 in Beret­tyóúj­falu im östli­chen Ungarn gebo­ren, war Prä­si­dent des Inter­na­tio­na­len P.E.N. und Prä­si­dent der Aka­de­mie der Küns­te, hat inter­na­tio­nal höchs­te Ehrun­gen erhal­ten, dar­un­ter den Frie­dens­preis des Deut­schen Buch­han­dels, den Karls­preis, den Orden der fran­zö­si­schen Ehren­le­gion. Seit 69 Jah­ren hät­te Kon­rád ermor­det sein sol­len.

Im März 1944  —  die Deut­schen hat­ten Ungarn besetz­t, inner­halb weni­ger Wochen wur­den Hun­dert­tau­sen­de Juden depor­tier­t, jedes drit­te in Ausch­witz ermor­dete Opfer stamm­te aus Ungarn  —  im März 1944 taucht der 11jährige Györ­gy zusam­men mit sei­ner Schwes­ter in Buda­pest unter. Dass sie über­lebt haben, ver­dan­ken sie ihrem Mut und Men­schen wie sei­ner Tan­te Zsó­fi oder dem Schwei­zer Diplo­ma­ten Carl Lutz, der fin­gier­te Päs­se aus­stellt: Eine die­ser gestem­pel­ten Phan­ta­sien schützt Kon­rád davor, depor­tiert und ver­gast zu wer­den. Ausch­witz, schreibt er 65 Jah­re spä­ter, sei „wich­tigs­ter Ori­en­tie­rungs­punkt mei­nes Den­kens“.

» Über Györ­gy Kon­rád
» „Euro­pa ist ein Roman“
» „Wenn das Leben hei­lig ist“
» „Ein euro­päi­sches Gefühl“ | Review 1
» „Ein euro­päi­sches Ver­stum­men“ | Review 2

 

Kroke: Nadejda dobre Czasy | 2011

 

Tomasz Kukurba von Kroke am Tag der Befreiung 2011 in der Christuskirche

Kro­ke bei ihrem Kon­zert in der Chris­tus­kir­che | Foto Chris­toph Gie­se

„Es kom­men gute Tage, sicher kom­men sie. / Der Frie­den wird Früch­te tra­gen / Die Leu­te in Ausch­witz wer­den nicht glau­ben / Den schreck­li­chen Wor­ten mei­ner Gedich­te.“

So schloss der Abend, mit einer lan­gen Stil­le nach Kazi­mierz Dabrow­skis Gedicht Nade­j­da dob­re Cza­sy. Ein­ge­la­den hat­ten wir zusam­men mit den Kos­mo­po­len, Ema­nue­la Danie­le­wicz hat­te das Pro­gramm kura­tiert: Kro­kes bild­haf­te Musik unter­bro­chen mit Wer­ken von Char­lot­te Del­bo [1913 -1985], Deni­se Riou­al [Lebens­zeit unbe­kannt], Kry­sty­na Zywuls­ka [Ausch­witz 1944], Anne Marie Fabi­an [1920 – 1993] und Kazi­mierz Dabrow­ski [Ausch­witz 1944]. Das Abend­pro­gramm:

Mehr als sechs Mil­lio­nen pol­ni­scher Bür­ger wur­den ermor­det, drei Mil­lio­nen von ihnen waren Juden. Weit über eine Mil­li­on Polen wur­de zur Zwangs­ar­beit ver­schleppt, vie­le von ihnen ins Ruhr­ge­biet. Vier Ver­nich­tungs­la­ger wur­den in Polen errich­tet, vier Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, 1798 Arbeits­la­ger: Kein ande­res Land wur­de der­art von Deut­schen heim­ge­sucht wie Polen.

Am 19. April 1943, dem Vor­abend des Pas­sah-Fes­tes, begann der Auf­stand gegen die Bar­ba­rei, er begann mit dem Auf­stand der Juden im War­schau­er Ghet­to. Im August folg­te der Auf­stand im Ver­nich­tungs­la­ger Treb­lin­ka, im Okto­ber der Auf­stand im Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor. Der War­schau­er Auf­stand begann im August des fol­gen­den Jah­res und im Okto­ber der Auf­stand in Ausch­witz selbst. In mehr als 100 Lagern und Ghet­tos hat es Auf­stän­de gege­ben, über­all in Euro­pa haben Par­ti­sa­nen gekämpft.

Marek Edel­man, der 2009 ver­stor­be­ne Kom­man­deur des Auf­stands im War­schau­er Ghet­to: „Was hier begon­nen hat, war der Anfang von dem, was in den Rui­nen von Ber­lin geen­det hat.“

DANK AN Ema­nue­la Danie­le­wicz, Joan­na Stan­ecka und Frank Wicker­mann [Lesun­gen], Pol­ni­sches Insti­tut Düs­sel­dorf und Stif­tung für deutsch-pol­ni­sche Zusam­men­ar­beit / Pro­jekt wspier­any przez Fund­ac­je Wspol­pra­cy Pol­sko Nie­mieckiej.

Marianne Rosenberg, Petra Rosenberg, Ferenc Snétberger | 2010

 

Marianne Rosenberg

CHop­pe | List­Ver­lag

Für Petra und Mari­an­ne Rosen­berg war es ein schwe­rer Abend, über­schwer. Auch für Ferenc Snét­ber­ger. Wie erzäh­len, was es bedeu­tet, wenn von der eige­nen Fami­lie 51 Mit­glie­der ermor­det wor­den sind? Es lin­dert kei­nen Schmerz, den eige­nen Schmerz öffent­lich zu machen. Den­noch hat­ten wir sie gebe­ten, den Tag der Befrei­ung öffent­lich zu bege­hen. Wer anders als sie könn­te berich­ten? Wer wenn nicht wir soll­te hören?

Sie woll­ten kein Hono­rar und nicht, dass jemand Ein­tritt zah­le. Anstel­le eines Vor­ver­kaufs hat­ten 800 Zuhö­rer dar­um gebe­ten, zuhö­ren zu kön­nen und dar­auf­hin einen Brief von uns bekom­men:

„Wir waren seit jeher, solan­ge ich den­ken kann und nach allem, was mir erzählt wor­den ist, deut­sche Sin­ti.“ Otto Rosen­berg wur­de 1927 in Ost­preu­ßen gebo­ren und wuchs in Ber­lin auf. „Wir waren nicht reich, wir hat­ten das Nöti­ge, wir haben in Frie­den gelebt.“ Und dann eines mor­gens, „es kann früh um vier, fünf Uhr gewe­sen sein, wur­den wir durch SA und Poli­zei auf­ge­schreckt: ‚Los, anzie­hen! Schnell, schnell!‘ Ich war gera­de neun Jah­re alt gewor­den.“

Fami­lie Rosen­berg wird in Mar­zahn in ein Lager gesperrt, Tau­sen­de wer­den von hier aus in die KZ ver­schleppt. Kurz vor sei­nem 16. Geburts­tag sitzt auch Otto Rosen­berg in einem Zug vol­ler Kin­der, „fein geklei­det, mit Stul­len­täsch­chen und Map­pen. Sin­ti-Kin­der, Roma-Kin­der, ich weiß es nicht. Süße Gesich­ter, alle so sechs, acht Jah­re alt, der gan­ze Wag­gon war voll. So kam ich in Ausch­witz an.“

Otto Rosen­berg hat Ausch­witz über­lebt, Buchen­wald, Dora, Ber­gen-Bel­sen. Bis zu sei­nem Tod 2001 kämpf­te err für die Rech­te der Sin­ti und Roma, ihre Aner­ken­nung als Ver­folg­te des NS-Regimes. Heu­te ist Petra, sei­ne ältes­te Toch­ter, Vor­sit­zen­de des von ihm gegrün­de­ten Lan­des­ver­ban­des deut­scher Sin­ti und Roma Ber­lin-Bran­den­burg:

„Die über­lebt haben, sind durch ihre trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen so nach­hal­tig geschä­digt wor­den, dass ihr Ver­trau­en in die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Gesell­schaft gestört ist. Aber auch das Bewusst­sein der zwei­ten und drit­ten Gene­ra­ti­on ist von der Erfah­rung geprägt, Teil einer Min­der­heit zu sein, die von der völ­li­gen Ver­nich­tung bedroht war und immer noch in hohem Maße unter Dis­kri­mi­nie­rung zu lei­den hat.“

Mari­an­ne Rosen­berg ver­kör­pert wie kaum eine ande­re Sän­ge­rin die Ent­wick­lung des deut­schen Pop. Seit drei Jahr­zehn­ten kennt man ihre Lie­der, über ihr Leben ist wenig bekannt: „Mein Weg erschließt sich aus der Geschich­te unse­rer Fami­lie“, schreibt sie in ihrer Auto­bio­gra­phie Koko­lo­res. „Die Schick­sa­le derer, die nicht über­lebt hat­ten, beglei­te­ten uns.“

„Sing‘ mit dem Her­zen“, hat­te ihr der Vater gesagt. Es wird ein sehr per­sön­li­cher Abend wer­den, an dem Mari­an­ne Rosen­berg und Petra Rosen­berg ihren Vater erin­nern. Er hat den Tag sei­ner Befrei­ung erlebt, 500 000 Sin­ti und Roma wur­den in der Nazi-Dik­ta­tur ermor­det. Ihnen hat Ferenc Snét­ber­ger ein Con­cer­to für Gitar­re und Orches­ter gewid­met, In Memo­ry For My Peop­le wur­de 2007 im Haus der Ver­ein­ten Natio­nen in New York urauf­ge­führt. Snét­ber­ger zählt zu den Gro­ßen sei­nes Fachs, ein Welt­bür­ger der Musik, er wird auf der Gitar­re impro­vi­sie­ren und Mari­an­ne Rosen­berg bei ihren Chan­sons beglei­ten.

Gemein­sam luden Mari­an­ne Rosen­berg, Petra Rosen­berg und Ferenc Snét­ber­ger ein, „uns eine gemein­sa­me Erin­ne­rung zu schaf­fen“.

Roma Ligocka: Das Mädchen im roten Mantel | 2008

 

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Roma_Ligocka in der Chris­tus­kir­che | Jessica_Buschmann, WAZ

„Wer nicht gehorcht, wird getö­tet.“ Zwei Jah­re ist Roma alt, als sie von den Deut­schen ins Kra­kau­er Ghet­to gesperrt wird. „So klein, dass ich den Män­nern mit den schwar­zen Stie­feln unge­fähr bis ans Knie gehe.“ Ihre Groß­mut­ter hat­te ihr einen roten Man­tel genäht, dar­in wan­delt sie wie eine Erschei­nung „zwi­schen den schwar­zen Stie­feln hin­durch“  —  ein Bild, an das sich Über­le­ben­de des Kra­kau­er Ghet­tos erin­nert haben, Ste­ven Spiel­berg formt das Bild zu einem zen­tra­len Motiv in „Schind­lers Lis­te“: In dem sw-Film taucht der rote Man­tel als ein­zi­ges Farb-Moment auf.

Anders aber als im Spiel­berg-Film hat das Mäd­chen im roten Man­tel über­lebt. Roma Ligo­cka hat uns ihre Geschich­te erzählt  —  eine wun­der­ba­re Frau mit der Fähig­keit, das Ent­setz­li­che zu erin­nern, indem sie Wär­me in die Erin­ne­rung legt, ihren Charme und ihre gan­ze Schön­heit.

» Nach­be­richt „Die klei­ne Erd­bee­re“ ROMA LIGOCKA_WAZ [pdf]

Ella Milch-Sheriff: Ist der Himmel so leer? | 2007

 

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„125 Zen­ti­me­ter. So hoch und so breit war das Erd­loch, das der Arzt Baruch Milch im Som­mer 1942 grub. 125 Zen­ti­me­ter, in die er hin­ab stieg, um dar­in zusam­men mit sei­ner Frau und der Fami­lie sei­nes Schwa­gers zu leben. 125 Zen­ti­me­ter lang waren auch die Kara­bi­ner, mit der die deut­schen Besat­zer oben, im Tages­licht, Euro­pa um- und umge­pflügt haben. 125 Zen­ti­me­ter — so hoch wie der Kor­pus des Cel­los, das Sie hier sehen … Erin­ne­rung hat ihr Maß am Unmaß der Trau­er, am uner­mess­lich sinn­lo­sen Lei­den, sie hat ihr Maß am Maß­lo­sen, an 125 Zen­ti­me­tern.“

Ein Zitat aus der Eröff­nung des Abends, die israe­li­sche Kom­po­nis­tin und Sän­ge­rin war anwe­send war: Nach dem kürz­li­chen Tod ihres Vaters hat­te sie eher zufäl­lig erfah­ren, dass sei­ne ers­te Fami­lie — sei­ne Frau Lui­sa und sein drei­jäh­ri­ger Sohn — von den Deut­schen ermor­det wor­den war und er sel­ber jah­re­lang in einem Erd­loch über­le­ben muss­te. Sei­ne Toch­ter, 1954 in Hai­fa gebo­ren, kom­po­niert 2003 auf Basis des Tage­buchs ihres Vaters die Kan­ta­te „Ist der Him­mel leer?“ für Mez­zo­so­pran, Spre­cher und Kam­mer­or­ches­ter unter Ver­wen­dung von Tei­len des Gedichts „Eng­füh­rung“ von Paul Celan, auf­ge­führt von den Bochu­mer Sym­pho­ni­kern unter Lei­tung von Har­ry Cur­tis.

» Wei­te­re Infor­ma­tio­nen hier ueber ella-milch-she­riff [pdf]

Menschensinfonieorchester | 2006

 

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Men­schensin­fo­nie­or­ches­ter | Foto R. Man­zi

„Der Ange­klag­te spielt Mund­har­mo­ni­ka und singt gewerbs­mä­ßig auf öffent­li­chen Stra­ßen.“ Im Juni 1940 wur­de der 59-jäh­ri­ge Ernst Rut­zen wegen „Bet­te­lei, Land­strei­che­rei und gro­bem Unfug“ ins KZ ver­schleppt. Wie ihm erging es mehr als 10.000 Woh­nungs­lo­sen. Poli­zei­chef Hein­rich Himm­ler: “Jeder Bett­ler, der arbeits­scheu ist, ist sofort einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger zuzu­füh­ren.“

Im Febru­ar 1995 erschlu­gen sie­ben Neo­na­zis in Vel­bert den 65jährigen Horst Pul­ter, er schlief auf einer Bank im Stadt­park. Seit 1990 erging es zahl­rei­chen Woh­nungs­lo­sen wie ihm. “Pen­ner klat­schen“ nen­nen es die Neo­na­zis.

Im Janu­ar 2001 grün­det der Jazz­mu­si­ker Ales­san­dro Pal­mi­t­es­sa in Köln das Men­schensin­fo­nie­or­ches­ter. Ein son­der­ba­res, ein wun­der­ba­res Ensem­ble: 16 Mit­glie­der, die einen sess­haft, die ande­ren nicht. Ein Gitar­rist aus Wat­ten­scheid, ein Bas­sist aus Zürich, ein Tromm­ler aus dem Iran. Eine Gitar­re aus dem Müll, eine zer­beul­te Posau­ne und ein Bass, der aus einer Tee­kis­te, einem Besen­stiel und einer Wäsche­lei­ne besteht. Welt­mu­sik der Stra­ße von Men­schen, die auf der Stra­ße leben.

Am Abend vor dem Kon­zert refe­riert Wolf­gang Ayaß über „Die Für­sor­ge der Nazis“, näm­lich die Ver­fol­gung der „Aso­zia­len“ und „Arbeits­scheu­en“, wie es im Nazi-Jar­gon lau­tet: „Nicht mehr das bedürf­ti­ge Indi­vi­du­um stand im Mit­tel­punkt der Für­sor­ge­po­li­tik, son­dern die zu stär­ken­de Volks­ge­mein­schaft. Ziel war nicht die Inte­gra­ti­on der Unan­ge­pass­ten und Abwei­chen­den, son­dern deren Aus­gren­zung und ‚Aus­mer­zung‘.“

 

Schönberg Mahler Weill | 2005

Egon Schie­le: Arnold Schön­berg. Bild­nis des Kom­po­nis­ten, 1917 [Aus­zug]

Sei­ne 2. Sin­fo­nie begann Kurt Weill im Janu­ar 19433 im Ange­sicht des auf­halt­sa­men Auf­stiegs der Nazi-Bar­ba­rei. Weni­ge Wochen spä­ter muss­te er aus Deutsch­land flie­hen, sei­ne Musik wur­de ver­bo­ten, sei­ne Noten­pa­pie­re ver­brannt. Die „deut­sche Musik“, erklär­te Reichs­kul­tur­mi­nis­ter Goeb­bels, müs­se „gesäu­bert“ wer­den. Selbst die Wer­ke bereits ver­stor­be­ner Künst­ler wie Gus­tav Mah­ler wur­den aus den Spiel­plä­nen gestri­chen. „Weg­ge­fegt“, wie Goeb­bels sich aus­drück­te.

Kurt Weill, Arnold Schön­berg, Gus­tav Mah­ler: So unter­schied­lich ihre Wer­ke sind, gemein­sam war ihnen in der Tat eine neue musi­ka­li­sche Spra­che, das, was Schön­berg die „Frei­heit des Aus­drucks“ nann­te. Frei­er Aus­druck galt als „undeutsch“, im Mai 1938 erklär­te Goeb­bels den Voll­zug: „Das deut­sche musi­ka­li­sche Leben ist end­gül­tig gesäu­bert.“

Als „Säu­be­rungs­ak­ti­on“ haben die Nazis spä­ter auch den Mord an Mil­lio­nen euro­päi­scher Bür­ger bezeich­net, Künst­ler und Kom­po­nis­ten wie Vik­tor Ull­mann, Hans Krá­sa und Pavel Haas wur­den in Ausch­witz ermor­det.

Der Abend eröff­ne­te mit Schön­bergs „Frie­de auf Erden“, dann die „Kin­der­to­ten­lie­der“ von Mah­ler, schließ­lich die 2. Sin­fo­nie von Kurt Weill, dar­ge­bo­ten von der Altis­tin Edna Proch­nik aus Tel Aviv, Mit­glie­dern der Bochu­mer Sym­pho­ni­ker unter Lei­tung von Arno Hart­mann, im sze­ni­schen Dia­log mit Lesun­gen von OB Dr. Otti­lie Scholz, Super­in­ten­dent Fred Sobiech, Propst Her­mann-Josef Bit­tern sowie dem Vor­sit­zen­den der Jüdi­schen Gemein­de, Gre­gorij Rabi­no­vich.

Michael Degen | 2004

Micha­el Degen by Eri­ka Fern­schild

In Nazi-Deutsch­land unter­zu­tau­chen, gelang nur Weni­gen, im Unter­grund zu über­le­ben, den Aller­we­nigs­ten. Ihr größ­tes Risi­ko: die Denun­zia­ti­on. „Ich fürch­te die Men­schen mehr als die Bom­ben“, heißt es im Tage­buch von Erna Becker, die in Ber­lin unter­ge­taucht war wie Micha­el Degen.

Degen sel­ber war die Flucht gelun­gen, als er, 11 Jah­re alt, depor­tiert wer­den soll­te. Sei­nen Vater hat­ten die Nazis ermor­det, er und sei­ne Mut­ter Anna über­leb­ten, ver­steckt von Freun­den und von Frem­den. „Leit­fi­gu­ren der Mensch­lich­keit“, nennt Degen sie, „ganz nor­ma­le Men­schen“.

Zwei Jah­re lang ret­te­ten sich Mut­ter und Sohn von Tag zu Tag, über­stan­den Aus­weis­kon­trol­len, über­leb­ten den Bom­ben­ha­gel. Wäh­rend die ande­ren in ihre Luft­schutz­kel­ler flo­hen, saßen sie im vier­ten Stock­werk fest „und wären bei jedem Tref­fer dran gewe­sen“:

„Dann krach­te es wie­der. Der gan­ze Ku´damm schien zu wackeln. Ein paar Block­war­te rann­ten wie auf­ge­scheuch­tes Geflü­gel her­um. Wir stan­den ganz allein und schau­ten. Es krach­te, knis­ter­te, bal­ler­te, und wir sahen zu, ohne Angst, mit einer ganz tie­fen Befrie­di­gung.“

Die sich über­tra­gen hat auf uns, die ihm zuhör­ten. Was für ein Hören, Degen ist ein Mensch  —  man muss es alt­mo­disch for­mu­lie­ren  —  vol­ler Güte. Er macht, indem er erzählt, den Unter­schied klar, auf den es ankommt: dass der Ein­zel­ne wich­ti­ger ist als ein Gan­zes. Das hat­ten die Weni­gen, die ihr Leben ris­kier­ten, um sei­nes zu ret­ten, begrif­fen: Märt­chen, Oma Teu­ber, Karl Hot­ze, Erna Nie­hoff, „ganz nor­ma­le Men­schen“.