Tag der Befreiung von Auschwitz

Synagoge Bochum | 26. Januar | 17 Uhr

Edwin Scharff: Bildnis der Anni Mewes von 1917/21 nach seiner Bergung 2010: "Kunst macht sichtbar."

Lan­des­denk­mal­amt Ber­lin | Foto: Manuel Escobedo

Im Januar 2010 wurde bei Bau­ar­bei­ten in Ber­lin ein Kunst­werk aus der Erde gebor­gen, ein Bron­ze­guss des Bild­hau­ers Edwin Scharff. Das Bild­nis zeigt die Schau­spie­le­rin Anni Mewes, die Nazis hat­ten es 1937 als „ent­ar­tet“ beschlag­nahmt. Zehn wei­tere Kunst­werke waren Jahr­zehnte lang im Her­zen der Stadt ver­bor­gen, dann gab die Erde sie preis, als sei es an der Zeit, das zu beglau­bi­gen, was Paul Klee behaup­tet hat: dass Kunst nicht wie­der­gibt, was sicht­bar ist, son­dern dass Kunst sicht­bar macht. Sicht­bar wird, dass sich die Erde eines Tages öffnet und Mas­sen­grä­ber offen­bart. Allein in der Ukraine sind es Tau­sende, die sich auf­tun in die­ser Zeit, oft zufäl­lig bei Bau­ar­bei­ten ent­deckt. Im Akkord hat­ten die Nazis gemor­det und Hun­dert­tau­sende ihrer Opfer in der Erde ver­scharrt, nur von den Wenigs­ten ken­nen wir die Namen. Am 26. Januar, dem Vor­abend des Tages, an dem Ausch­witz befreit wor­den ist, ver­liest die Jüdi­sche Gemeinde Bochum die Namen derer, die aus Bochum und Wat­ten­scheid depor­tiert wor­den sind, um ermor­det zu werden.

Es sind die Kin­der und Jugend­li­chen der Gemeinde, die Namen lesen von denen, die vor ihnen Mit­glie­der der Gemeinde waren. Sie lesen die vie­len Hun­dert Namen in der Syn­agoge, die es heute gibt, nach­dem es 69 Jahre keine gab. Mit­glie­der der Gemeinde, die aus der Ukraine, Russ­land und Weiß­russ­land stam­men, lesen die Namen ihrer Lie­ben, die ermor­det wor­den sind. Sechs Ker­zen bren­nen, sie ste­hen fürs nicht Vor­stell­bare, die Zahl von sechs Mil­lio­nen, die ermor­det wor­den sind. „Nur wir haben überlebt“.

So heißt das Buch von Boris Zabarko, der renom­mierte ukrai­ni­sche His­to­ri­ker hat Zeu­gen­aus­sa­gen gesam­melt. Wie Erschie­ßungs­kom­man­dos in Dör­fer einrücken:

Die Kin­der ver­stan­den. Sie wein­ten nicht, son­dern stan­den schwei­gend da, als seien sie ver­zau­bert worden.

Erin­nert sich Michail Rosen­berg, Augen­zeuge mit acht Jah­ren. Nicht vor­stell­bar, was er und andere sahen, unvor­stell­bar auch ihr unge­heu­rer Mut:

Mut­ter hielt mich ganz fest, drückte mich an sich und sagte: Wenn wir ster­ben, dann zusam­men, damit du nicht lei­den musst.‘ Aber ich riss mich los, sprang durchs Fens­ter und entkam.

Einige von denen, die ent­kom­men sind, leben heute in Bochum, auch Alfred Salo­mon, der Ausch­witz über­lebt hat. Sie sind das Gewis­sen der Stadt, sie machen begrei­fen, wem die Befrei­ung zu dan­ken ist.

Und sie machen begrei­fen, dass das Mor­den in kei­nem Jen­seits geschah, son­dern hier begann: Der Tag der Befrei­ung von Ausch­witz, seit sie­ben Jah­ren auch welt­weit began­gen, war in Bochum der Tag, an dem die erste Depor­ta­tion statt­fand, am 27. Januar 1942. Bochum wurde zum „Sam­mel­ort“ für die Juden der Region, dann auch für Sinti und Roma. Es ist ange­bracht, dass der 27. Januar ein städ­ti­scher Gedenk­tag wird.

In der Chris­tus­kir­che bege­hen wir die­sen Tag seit Jah­ren in einer Form, die einen kul­tu­rel­len und bür­ger­schaft­li­chen Cha­rak­ter trägt. Dabei stim­men wir uns ab mit der Jüdi­schen Gemeinde, sie begeht die­sen Tag seit Jah­ren in einer Form, die ihre sehr eigene ist und blei­ben wird  -  und die gerade des­halb einen poli­ti­schen und öffent­li­chen Cha­rak­ter gewin­nen sollte. Es gibt Städte in die­ser Repu­blik, die ver­su­chen, sich am 27. Januar zu ver­or­ten in dem, was im Begriff Holo­caust zu ver­schwin­den droht. Sie ver­an­stal­ten, sie erklä­ren, sie ver­laut­ba­ren. Es ist gut, dass sie es ver­su­chen, es geht nicht um die Ant­wort, son­dern die Suche nach ihr. Man kann ihr nicht aus­wei­chen, die­ser Suche, Nord­bahn­hof  und „Juden­häu­ser“ und Saure Wie­sen, was ver­bor­gen liegt in der Stadt, es ver­schwin­det nicht. Es gibt nicht wie­der, was sicht­bar ist, es macht sichtbar.

Auch in die­ser Stadt kann die Erde, um Jesaja zu zitie­ren, nicht ver­ber­gen, die getö­tet sind. Für uns, die wir auf die­ser Erde leben, wäre es gut, würde der 27. Januar zu einem Tag im Kalen­der der Stadt, zu einem offi­zi­el­len Tag im Kalen­der des Rates und sei­ner Reprä­sen­tan­ten. Kein Tag, um Reden zu hal­ten oder Gruß­worte zu faxen, son­dern um Bochu­mer Namen zu lesen, zu hören und zu ver­ste­hen. Wir haben eine Jüdi­sche Gemeinde in der Stadt.

» 26. Januar | 17 Uhr |  Zum Tag der Erin­ne­rung an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus
» Syn­agoge Bochum | Erich-Mendel-Platz 1

» Die in der Chris­tus­kir­che für den 27. Januar geplante Ver­an­stal­tung kann lei­der nicht statt­fin­den. Wir bedau­ern dies sehr und respek­tie­ren die Absage.

Artikel am 20. Januar 2012 um 00:05 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Debatte, PeV 2010, Wort | Trackbacks sind nicht möglich, aber Sie könneneinen Kommentar verfassen..


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