Im Januar 2010 wurde bei Bauarbeiten in Berlin ein Kunstwerk aus der Erde geborgen, ein Bronzeguss des Bildhauers Edwin Scharff. Das Bildnis zeigt die Schauspielerin Anni Mewes, die Nazis hatten es 1937 als „entartet“ beschlagnahmt. Zehn weitere Kunstwerke waren Jahrzehnte lang im Herzen der Stadt verborgen, dann gab die Erde sie preis, als sei es an der Zeit, das zu beglaubigen, was Paul Klee behauptet hat: dass Kunst nicht wiedergibt, was sichtbar ist, sondern dass Kunst sichtbar macht. Sichtbar wird, dass sich die Erde eines Tages öffnet und Massengräber offenbart. Allein in der Ukraine sind es Tausende, die sich auftun in dieser Zeit, oft zufällig bei Bauarbeiten entdeckt. Im Akkord hatten die Nazis gemordet und Hunderttausende ihrer Opfer in der Erde verscharrt, nur von den Wenigsten kennen wir die Namen. Am 26. Januar, dem Vorabend des Tages, an dem Auschwitz befreit worden ist, verliest die Jüdische Gemeinde Bochum die Namen derer, die aus Bochum und Wattenscheid deportiert worden sind, um ermordet zu werden.
Es sind die Kinder und Jugendlichen der Gemeinde, die Namen lesen von denen, die vor ihnen Mitglieder der Gemeinde waren. Sie lesen die vielen Hundert Namen in der Synagoge, die es heute gibt, nachdem es 69 Jahre keine gab. Mitglieder der Gemeinde, die aus der Ukraine, Russland und Weißrussland stammen, lesen die Namen ihrer Lieben, die ermordet worden sind. Sechs Kerzen brennen, sie stehen fürs nicht Vorstellbare, die Zahl von sechs Millionen, die ermordet worden sind. „Nur wir haben überlebt“.
So heißt das Buch von Boris Zabarko, der renommierte ukrainische Historiker hat Zeugenaussagen gesammelt. Wie Erschießungskommandos in Dörfer einrücken:
Die Kinder verstanden. Sie weinten nicht, sondern standen schweigend da, als seien sie verzaubert worden.
Erinnert sich Michail Rosenberg, Augenzeuge mit acht Jahren. Nicht vorstellbar, was er und andere sahen, unvorstellbar auch ihr ungeheurer Mut:
Mutter hielt mich ganz fest, drückte mich an sich und sagte: Wenn wir sterben, dann zusammen, damit du nicht leiden musst.‘ Aber ich riss mich los, sprang durchs Fenster und entkam.
Einige von denen, die entkommen sind, leben heute in Bochum, auch Alfred Salomon, der Auschwitz überlebt hat. Sie sind das Gewissen der Stadt, sie machen begreifen, wem die Befreiung zu danken ist.
Und sie machen begreifen, dass das Morden in keinem Jenseits geschah, sondern hier begann: Der Tag der Befreiung von Auschwitz, seit sieben Jahren auch weltweit begangen, war in Bochum der Tag, an dem die erste Deportation stattfand, am 27. Januar 1942. Bochum wurde zum „Sammelort“ für die Juden der Region, dann auch für Sinti und Roma. Es ist angebracht, dass der 27. Januar ein städtischer Gedenktag wird.
In der Christuskirche begehen wir diesen Tag seit Jahren in einer Form, die einen kulturellen und bürgerschaftlichen Charakter trägt. Dabei stimmen wir uns ab mit der Jüdischen Gemeinde, sie begeht diesen Tag seit Jahren in einer Form, die ihre sehr eigene ist und bleiben wird - und die gerade deshalb einen politischen und öffentlichen Charakter gewinnen sollte. Es gibt Städte in dieser Republik, die versuchen, sich am 27. Januar zu verorten in dem, was im Begriff Holocaust zu verschwinden droht. Sie veranstalten, sie erklären, sie verlautbaren. Es ist gut, dass sie es versuchen, es geht nicht um die Antwort, sondern die Suche nach ihr. Man kann ihr nicht ausweichen, dieser Suche, Nordbahnhof und „Judenhäuser“ und Saure Wiesen, was verborgen liegt in der Stadt, es verschwindet nicht. Es gibt nicht wieder, was sichtbar ist, es macht sichtbar.
Auch in dieser Stadt kann die Erde, um Jesaja zu zitieren, nicht verbergen, die getötet sind. Für uns, die wir auf dieser Erde leben, wäre es gut, würde der 27. Januar zu einem Tag im Kalender der Stadt, zu einem offiziellen Tag im Kalender des Rates und seiner Repräsentanten. Kein Tag, um Reden zu halten oder Grußworte zu faxen, sondern um Bochumer Namen zu lesen, zu hören und zu verstehen. Wir haben eine Jüdische Gemeinde in der Stadt.
» 26. Januar | 17 Uhr | Zum Tag der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus
» Synagoge Bochum | Erich-Mendel-Platz 1
» Die in der Christuskirche für den 27. Januar geplante Veranstaltung kann leider nicht stattfinden. Wir bedauern dies sehr und respektieren die Absage.

