Feste Burg, gute Wehr?

Demokratie und Bürgerprotest | Festakt zur Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises | 10. Oktober 19 Uhr

Mendez Trives | commons

Men­dez Tri­ves | com­mons

Demo­kra­tie müs­se „wehr­haft“ sein, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt: Die demo­kra­ti­sche Ord­nung weh­re sich dage­gen, sich sel­ber abzu­schaf­fen. Im demo­kra­ti­schen All­tag neigt der Betrieb aller­dings dazu, sich sel­ber abzuschot­ten: Par­tei­en und Ver­wal­tun­gen bil­den eige­ne Regeln aus, eige­ne Codes und Spra­chen  — ein auto­po­ie­ti­sches Sys­tem, es erschafft und erhält sich selbst. Gute Wehr oder fes­te Burg? Immer mehr Ent­schei­dun­gen, die, obwohl demo­kra­tisch legi­ti­miert, den Pro­test von Demo­kra­ten wecken. Es geht um Bahn­hö­fe oder Kraft­wer­ke, Natur­parks oder Strom­tras­sen: Bür­ger­pro­test besitzt „demo­kra­ti­sche Bedeu­tung ohne demo­kra­ti­sche Form“, so der Staats­recht­ler Chris­toph Möl­lers: „Wir wis­sen nicht, ob er demo­kra­tisch ist.“ Eine der schwie­rigs­ten Situa­tio­nen ent­steht, wenn eine Foren­si­sche Kli­nik gebaut wer­den soll: Wie gehen wir um mit Rechts­bre­chern, die psy­chisch krank sind  —  und wie mit dem Pro­test, der sich gegen den Bau einer Foren­sik in der Nach­bar­schaft wehrt? Ein Pro­test, bei dem nicht immer sicher ist, ob er sich demo­kra­tisch äußern will  —  wofür Ver­ständ­nis auf­brin­gen könn­te, wer sich der Fra­ge stellt, ob eine Foren­sik im eige­nen Stadt­teil pas­sa­bel wäre. 

MANFRED SORG und EDUARD WÖRMANN wer­den mit dem HANS-EHRENBERG-PREIS 2013 geehrt dafür, dass sie die Fra­ge  —  Was tun mit psy­chisch kran­ken Rechts­bre­chern?  —  neu for­mu­liert haben: Was bedeu­tet Men­schen­wür­de im Maß­re­gel­voll­zug?

Wie lässt sich die Wür­de der Opfer und ihrer Ange­hö­ri­gen wah­ren, denen unsäg­li­ches Leid zuge­fügt wor­den ist? Wie die Wür­de der Täter, die, bei aller Schwe­re der Tat, nicht auf­ge­hen in ihr? Die Wür­de der Mit­ar­bei­ten­den im Voll­zug, die eine schwie­ri­ge Auf­ga­be jen­seits öffent­li­cher Aner­ken­nung erfül­len? Und wie die Wür­de der Anrai­ner, die ein Recht haben dar­auf, sich im eige­nen Stadt­teil sicher zu füh­len?

1997 haben der dama­li­ge Prä­ses der Evan­ge­li­schen Kir­che von West­fa­len, Man­fred Sorg, und der lang­jäh­ri­ge Lei­ter des Amtes für Indus­trie- und Sozi­al­ar­beit in der west­fä­li­schen Lan­des­kir­che, Edu­ard Wör­mann, den Initia­tiv­kreis „Sicher­heit durch The­ra­pie“ ins Leben geru­fen. Sie haben Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens in NRW ins Gespräch gebracht mit Fach­leu­ten, der ört­li­chen Poli­tik, mit Bür­ger­initia­ti­ven und Medi­en­ver­tre­tern. Gegen die Angst­kam­pa­gnen man­cher Medi­en haben sie auf Infor­ma­ti­on gesetzt, haben popu­lis­ti­sche Ten­den­zen erstickt und dar­auf bestan­den, dass der Maß­re­gel­voll­zug eine „gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be ist“.

Die Erfah­run­gen und For­men des Dia­logs, die in sol­cher Aus­ein­an­der­set­zung ent­stan­den sind, kön­nen exem­pla­risch sein dafür, Bür­ger­pro­test zu demo­kra­ti­sie­ren.

Ein wehrhafter Demokrat

Die Wege, die Sorg und Wör­mann über Jah­re hin­weg an ver­schie­de­nen Orten in NRW gebahnt haben, füh­ren wei­ter, was HANS EHRENBERG begon­nen und unter extre­men Bedin­gun­gen durch­ge­hal­ten hat: Der Bochu­mer Pfar­rer, von den Nazis ins KZ gesperrt und ins Exil gezwun­gen, war ein wehr­haf­ter Demo­krat. Noch vor Grün­dung der Wei­ma­rer Repu­blik 1919 war er  —  sei­ner­zeit Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie in Hei­del­berg  —  der SPD bei­ge­tre­ten. In Bochum, wo Ehren­berg seit 1925 als Pfar­rer der Innen­stadt­ge­mein­de wirk­te, stemm­te er sich gegen den Nie­der­gang der Repu­blik. 1933 grün­de­te er die Beken­nen­de Gemein­de in Bochum, die er  —  im Wider­stand gegen den tota­li­tä­ren Staat  —  als Schu­le der Demo­kra­tie geprägt hat:

Sie sei ein „Orches­ter“, so hat er die Wider­stands­ge­mein­de ein­mal genannt  —  ein Orches­ter „wäh­rend der Pro­be“. Das Kon­zert sel­ber begann 1945, es dau­ert an.

„Kontrovers und durchaus subjektiv“

Mehr­stim­mig auch der Hans-Ehren­berg-Preis: Die Lau­da­tio­nes pfle­gen die Tra­di­ti­on, das jewei­li­ge The­ma des Prei­ses kon­tro­vers und durch­aus sub­jek­tiv anzu­ge­hen. Einer der bei­den Lau­da­to­ren in die­sem Jahr ist der kürz­lich ver­ab­schie­de­te Prä­si­dent des nord­rhein-west­fä­li­schen Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs, DR. MICHAEL BERTRAMS, der Urtei­le mit hoher poli­ti­scher Wir­kung gespro­chen hat —  so etwa sein Veto gegen den rot-grü­nen Lan­des­haus­halt 2011 wegen zu hoher Kre­dit­auf­nah­me. Immer wie­der hat Bert­rams auch sehr ent­schie­den dafür plä­diert, neo-nazis­ti­schen Anfän­gen zu weh­ren:

„Das Grund­ge­setz hat ein ‚his­to­ri­sches Gedächt­nis‘. Nach Auf­fas­sung des Senats, dem ich vor­ge­stan­den habe, ist es aus­ge­schlos­sen, dass Anti­se­mi­tis­mus, Ras­sis­mus und Aus­län­der­feind­lich­keit am Pro­zess der öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dung teil­ha­ben kön­nen.“

Den ande­ren Teil der Lau­da­tio hält der Lan­des­be­auf­trag­te für den Maß­re­gel­voll­zug in NRW, UWE DÖNISCH-SEIDEL. Der Psy­cho­lo­ge hat in den ver­gan­ge­nen 13 Jah­ren eine Rei­he Aus­ein­an­der­set­zun­gen um den Bau Foren­si­scher Psych­ia­tri­en geführt:

„Wir machen deut­lich: Wir sind zu Gesprä­chen bereit, wir drü­cken uns nicht. Eine Bür­ger­ver­samm­lung hat sicher bei den wenigs­ten eine Ver­än­de­rung erreicht. Aber die Erfah­rung zeigt, dass durch die­se Gesprä­che ein völ­lig ande­res Kli­ma ent­steht.“

Als Lau­da­tor vor­ge­se­hen und ange­kün­digt war zunächst der Alt-Libe­ra­le GERHART R. BAUM, Doy­en der libe­ra­len Demo­kra­tie. Baum, Bun­des­mi­nis­ter a.D., hat­te sei­ne Teil­nah­me äußerst kurz­fris­tig aus per­sön­li­chen, für ihn nicht vor­her­seh­ba­ren Grün­den absa­gen müs­sen.

Das Gruß­wort spricht THOMAS EISKIRCH, MdL.

006420 Sachsenhausen

Das Foto von Men­dez Tri­ves zeigt einen Kamin des Kre­ma­to­ri­ums im KZ Sach­sen­hau­sen. Vom 10. Novem­ber 1938 bis 25. März 1939 wur­de Ehren­berg  —  Häft­ling­num­mer 006420  —  in Sach­sen­hau­sen gefol­tert zusam­men mit Tau­sen­den deut­scher Juden, die nach dem Novem­ber­po­grom „ver­haf­tet“ wor­den waren, zusam­men mit Tau­sen­den Sozi­al­de­mo­kra­ten, Kom­mu­nis­ten und Gewerk­schaf­tern, zusam­men mit bür­ger­li­chen Demo­kra­ten, zusam­men mit Mar­tin Niem­öl­ler. Der Erfah­rung, die sie haben erlei­den müs­sen, ver­dan­ken wir die Ein­sicht, dass Demo­kra­tie „wehr­haft und streit­bar“ sein muss.  Zugrun­de gegan­gen ist die Wei­ma­rer Demo­kra­tie schließ­lich auch dar­an, dass sie  —  so höf­lich hat Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert dies for­mu­liert  —  „gewiss zu wenig über­zeug­te und enga­gier­te Demo­kra­ten hat­te“.

»  Der Fest­akt am 10. Okto­ber, 19 Uhr ist öffent­lich, der Zugang frei.