Hans-Ehrenberg-Preis

Protestantische Positionen

Hans Ehrenberg sowie ein Detail der "Helden-Gedenkhalle" im Turm der Christuskirche: Foto-Montage von Marcus Kiel (2001)

Mar­kus Kiel (2001)

Im Früh­jahr 1933 ver­öf­fent­licht Hans Ehren­berg das Bochu­mer Bekennt­nis. Es ist das ers­te Bekennt­nis einer Kir­che im „Drit­ten Reich“  —  ein radi­ka­le Absa­ge an völ­ki­sche Ideo­lo­gie und theo­lo­gi­schen Anti­se­mi­tis­mus: Im Bochu­mer Bekennt­nis wird „der Sohn des leben­di­gen Got­tes“ bezeugt, „des Got­tes Abra­hams, Isaaks und Jakobs“.

Damit ebnet Ehren­berg [hier sei­ne Bio­gra­phie] den Weg für die Grün­dung der Beken­nen­den Kir­che: Im Bochu­mer Bekennt­nis, schreibt Gün­ter Bra­kel­mann, „war vor­for­mu­liert, was die Bar­mer Syn­ode spä­ter für die gan­ze deut­sche Kir­che beken­nen soll­te“.

Mit Bro­schü­ren und Flug­blät­tern, in hoher Auf­la­ge über ganz Deutsch­land ver­teilt, greift Ehren­berg den tota­li­tä­ren Staat an, erhält „tota­les Rede­ver­bot“, wird ver­haf­tet, gefol­tert, er über­lebt das KZ. Heu­te wer­den mit dem nach Hans Ehren­berg benann­ten Preis Per­sön­lich­kei­ten aus­ge­zeich­net,

„die in öffent­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung pro­tes­tan­ti­sche Posi­ti­on bezie­hen und sie in aktu­el­len poli­ti­schen, kirch­li­chen und wis­sen­schaft­li­chen Kon­tro­ver­sen ver­tre­ten“.

Der Hans-Ehren­berg-Preis wird vom Evan­ge­li­schen Kir­chen­kreis Bochum in Ver­bin­dung mit der Evan­ge­li­schen Kir­che von West­fa­len und in Abstim­mung mit der Bochu­mer Hans-Ehren­berg-Gesell­schaft ver­ge­ben. Er ist mit 5 000 Euro dotiert und wird in der Regel alle zwei Jah­re ver­lie­hen.

Preisträger 2015: Heinrich Bedford-Strohm

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Hein­rich Bed­ford-Strohm | Foto ELKB/Rost

Der Vor­sit­zende des Rates der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land, Prof. Dr. Hein­rich Bed­ford-Strohm, lau­da­tiert von Bun­des­mi­nis­ter Sig­mar Gabri­el, Stell­ver­tre­ter der Bun­des­kanz­le­rin, wur­de  —  so die Begrün­dung der Fin­dungs­kom­mis­si­on  —  gewür­digt für „sei­ne öffent­li­che Theo­lo­gie, mit der er den Pro­tes­tan­tis­mus prä­gnant und poli­ti­sch pro­fi­liert reprä­sen­tiert“, und für die „Impul­se, die er dem Zusam­men­le­ben in einer plu­ra­len Gesell­schaft gibt“: Mit ihnen löse Bed­ford-Strohm „das von Hans Ehren­berg ent­wi­ckel­te Pro­gramm einer evan­ge­li­schen Öffent­lich­keits­kir­che ein“. Der Fest­akt wur­de dia­lo­gi­sch gestal­tet, Sig­mar Gabri­el und Hein­rich Bed­ford-Strohm soll­ten „Posi­tion bezie­hen“  —  so auch der Titel des von Bernd Becker, Direk­tor des Evang. Pres­se­ver­ban­des für West­fa­len und Lip­pe, mode­rier­ten Dia­logs über gegen­wär­tige Her­aus­for­de­run­gen poli­ti­sch-ver­ant­wort­li­chen Han­delns: Bed­ford-Strohm, so Sig­mar Gabri­el mit hör­ba­rer Sym­pa­thie, ste­he dafür, dass Chris­ten­tum und Frem­den­feind­lich­keit unver­ein­bar, Chris­ten­tum und sozia­le Gerech­tig­keit dage­gen untrenn­bar sei­en

Lau­da­tio:

SIGMAR GABRIEL  | Bun­des­mi­nis­ter, Stell­ver­tre­ter der Bun­des­kanz­le­rin

Gruß­wort
THOMAS EISKIRCH | Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Bochum

» Wei­te­re Infor­ma­ti­on hier 

 

Preisträger 2013: Manfred Sorg und Eduard Wörmann

Eduard Wörmann, Manfred Sorg

Edu­ard Wör­mann, Man­fred Sorg | EKvW

Wie gehen wir mit Rechts­bre­chern um, die psy­chi­sch krank sind  —  und wie mit Bür­ger­pro­test, der sich gegen den Bau einer Foren­si­schen Kli­nik wehrt? Man­fred Sorg und Edu­ard Wör­mann haben die­se Fra­gen neu gestellt: Was bedeu­tet Men­schen­wür­de im Maß­re­gel­voll­zug? Wie lässt sich die Wür­de derer wah­ren, denen schwe­res Leid zuge­fügt wor­den ist, und wie die Wür­de der Täter, die, bei aller Schwe­re der Tat, nicht auf­ge­hen in ihr? Wie die Wür­de der Mit­ar­bei­ten­den wah­ren und der Anrai­ner, die ein Recht dar­auf haben, sich im eige­nen Stadt­teil sicher zu füh­len? 1997 haben der dama­li­ge Prä­ses der west­fä­li­schen Kir­che und der Lei­ter des Amtes für Indus­trie- und Sozi­al­ar­beit den Initia­tiv­kreis „Sicher­heit durch The­ra­pie“ ins Leben geru­fen, haben Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens ins Gespräch gebracht mit Fach­leu­ten, ört­li­cher Poli­tik, Bür­ger­initia­ti­ven und Medi­en­ver­tre­tern. Haben gegen Angst­kam­pa­gni­en auf Infor­ma­ti­on gesetzt und dar­auf bestan­den, dass der Maß­re­gel­voll­zug eine „gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be“ bleibt. Sol­che For­men des Dia­logs sind exem­pla­ri­sch dafür, Bür­ger­pro­test zu demo­kra­ti­sie­ren.

Lau­da­tio­nes

DR. MICHAEL BERTRAMS | Prä­si­dent a.D. des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs NRW
UWE DÖNISCH-SEIDEL | Lan­des­be­auf­tragter für den Maß­re­gel­voll­zug in NRW

Gruß­wort
THOMAS EISKIRCH | MdL

» Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: „Fes­te Burg, gute Wehr? Demo­kra­tie und Bür­ger­pro­test“.

 

Preisträgerin 2011: Antje Vollmer

Antje Vollmer - mit dem Hans-Ehrenberg-Preis 2011 ausgezeichnet

credits | Jim Rake­te

So wie Hans Ehren­berg das dia­lo­gi­sche Prin­zip  —  Macht ohne Gewalt  —  für die neue­re poli­ti­sche Phi­lo­so­phie frucht­bar gemacht hat, so Ant­je Voll­mer für die poli­ti­sche Arbeit selbst. Gewür­digt wur­de sie „für ihre poli­ti­schen Initia­ti­ven, mit denen sie in schein­bar aus­weg­lo­sen  gesell­schaft­li­chen Kon­flik­ten Ver­stän­di­gungs­pro­zes­se aus­löst“.

Wie drin­gend not­wen­dig sol­che Dia­lo­ge sind, wie müh­sam und kräf­te­zeh­rend für alle, die sie füh­ren, hat der Abend sel­ber gezeigt: „Bei der Ver­lei­hung des Ehren­berg-Prei­ses wur­den auch ehe­ma­li­ge Heim­kin­der gehört“, schrieb Bene­dikt Rei­chel in den Ruhr Nach­rich­ten: „Zu gern, zu leicht­fer­tig wird Pro­test ande­ren­orts abge­schirmt. Die­ser Abend hat im Sin­ne des Namens­ge­bers, im Sin­ne des Dia­logs, zumin­dest für den Außen­ste­hen­den einen Bruch­teil der ver­här­te­ten Fron­ten bre­chen las­sen.“ Die Lau­da­tio wur­de als Gespräch geführt über „Wege der Ver­söh­nung im öffent­li­chen Leben“, betei­ligt waren:

Dr. Mar­got Käß­mann | Hono­rar­pro­fes­so­rin an der Ruhr-Uni­ver­si­tät
Dr. Ant­je Voll­mer
Rein­hard Mawick | Pres­se­spre­cher der Evang. Kir­che in Deutsch­land (EKD)
Sprecher/innen von Initia­ti­ven ehe­ma­li­ger Heim­kin­der

» Die Fin­dungs­kom­mis­si­on begrün­det die Wür­di­gung
» Öffent­li­che, teils hef­ti­ge Dis­kus­si­on auf die­ser Sei­te [län­ge­re Lade­zeit wg. vie­ler Kom­men­ta­re]
» Diver­se Medi­en­be­rich­te

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Preisträgerin 2009: Edna Brocke

Ayla Wessel | Kulturagentüer

Ayla Wes­sel | Kul­tur­agen­tüer

Die Lei­te­rin der Alten Syn­ago­ge Essen, des Hau­ses jüdi­scher Kul­tur, wur­de für die Impul­se gewür­digt, die sie zur Neu­ori­en­tie­rung des deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus gegen­über dem Juden­tum und dem Staat Israel gege­ben hat. Ihre Ana­ly­sen des Ver­hält­nis­ses von Juden, Israe­lis und Deut­schen sowie ihre Kri­tik des moder­nen Anti­se­mi­tis­mus befä­hi­gen dazu, „aus dem jüdi­sch-christ­li­chen Dia­log her­aus das Unter­schei­den­de frucht­bar zu machen, weil die Gren­ze der wirk­li­ch frucht­ba­re Ort der Erkennt­nis ist.“

Lau­da­tio und Res­pons hiel­ten

Dr. Fritz Pleit­gen | Geschäfts­füh­rer der Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas RUHR.2010
Dr. Klaus Wengst | Prof. em. für Neu­es Tes­ta­ment an der Ruhr Uni­ver­si­tät Bochum
Dr. Gün­ter Bra­kel­mann | Prof. em. und Ehren­berg-Bio­gra­ph
Dr. Edna Bro­cke

Gemein­sa­mes The­ma ihrer Bei­trä­ge: „Israel & Wir“. Edna Bro­cke beton­te die  —  eben nicht reli­giös oder poli­ti­sch,  son­dern  —  „exis­ten­zi­ell unter­schied­li­che Aus­gangs­po­si­ti­on“ im jüdi­sch-christ­li­chen Gespräch. Fritz Pleit­gen schlug cor­am publi­co vor, dass eine Stadt in Israel dem­nächst Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas wer­den sol­le.

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Preisträgerin 2006: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

Akti­on Süh­ne­zei­chen Frie­dens­diens­te

„Der Selbst­ge­rech­tig­keit und dem Hass eine Kraft ent­ge­gen­set­zen“, hieß es im Grün­dungs­auf­ruf der Akti­on Süh­ne­zei­chen Frie­dens­diens­te. Weni­ge Wochen nach dem Tod Hans Ehren­bergs gegrün­det, hat die Initia­ti­ve — aus der Ein­sicht her­aus, dass die evan­ge­li­sche Kir­che eine Mit­ver­ant­wor­tung trägt für die Ver­bre­chen des NS-Regimes — einer euro­päi­schen Erin­ne­rung und Ver­stän­di­gung den Weg geeb­net.

Die Lau­da­tio hiel­ten in Form einer Podi­ums­dis­kus­si­on über die Fra­ge „Wie weit reicht Euro­pa?“

Peter Alt­mai­er | MdB, Par­la­men­ta­ri­scher Staats­se­kre­tär, in Ver­tre­tung des Bun­des­mi­nis­ters des Innern, Dr. Wolf­gang Schäub­le
Lale Akgün | MdB
Axel Schä­fer | MdB
Alfred Buß | Prä­ses der Evang. Kir­che von West­fa­len
Ulrich Reitz | Chef­re­dak­teur der West­deut­schen All­ge­mei­nen WAZ 

Dr. Franz von Ham­mer­stein [†] | Ehren­vor­sit­zen­der der ASF, nahm den Preis ent­ge­gen.

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Preisträger 2004: Robert Leicht

credits | Vol­ker Wiciok

Der Jour­na­list Prof. Dr. h.c. Robert Leicht, Poli­ti­scher Kor­re­spon­dent der Ham­bur­ger Wochen­zei­tung DIE ZEIT, wur­de für sei­ne publi­zis­ti­schen Inter­ven­tio­nen aus­ge­zeich­net, mit denen er den Kern der refor­ma­to­ri­schen Leh­re  —  dass die Wür­de des Ein­zel­nen mehr ist als die Sum­me sei­ner Taten und Unta­ten  —  in gesell­schafts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen aktua­li­siert.

Wo nötig, mar­kiert Leicht auch die Gren­ze des Dia­logs: Im Herbst 2002 war Leicht der ers­te Leit­ar­tik­ler deutsch­spra­chi­ger Leit­me­di­en gewe­sen, der die anti-jüdi­schen Res­sen­ti­ments des Herrn Möl­le­mann ver­ur­teilt hat­te: „Sie las­sen sich nicht ent­schul­di­gen, sie wur­zeln tief im Den­ken und nicht bloß ober­fläch­li­ch im Reden.“ Die Frei­heit der Gewis­sen, so Leicht über auch die Frei­heit der Pres­se, begrün­de nicht die Frei­heit, das Gewis­sen zu sus­pen­die­ren. Die Lau­da­tio­nes zum The­ma „Öffent­li­ch & Frei“ hiel­ten

Dr. Mar­got Käß­mann | Lan­des­bi­schö­fin der Evan­ge­li­sch-luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Han­no­vers
Dr. Nor­bert Lam­mert | Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges

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Preisträger 2002: Präses Manfred Kock & Karl Kardinal Lehmann

credits | Häni­sch, UK

Den Hans-Ehren­berg-Preis 2002 nah­men der Vor­sit­zen­de der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Karl Kar­di­nal Leh­mann, und der Vor­sit­zen­de des Rates der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land, Prä­ses Man­fred Kock, gemein­sam ent­ge­gen.

Aus­ge­zeich­net wur­den die obers­ten Reprä­sen­tan­ten der bei­den Kir­chen für ihre Ver­diens­te um ein öku­me­ni­sches Gespräch, das einer Zukunft in Soli­da­ri­tät und welt­wei­ter Gerech­tig­keit ver­pflich­tet ist. Lau­da­tio und Gruß­wor­te zum The­ma „Gemein­sa­mes Sozi­al­wort der Kir­chen“ hiel­ten

Dr. Otto Graf Lambs­dorff [†]| Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter a.D.
Peer Stein­brück | Minis­ter­prä­si­dent des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len
Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der sand­te sein Gruß­wort per Fax.

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Preisträger 2000: Günter Brakelmann

Prof. Dr. Günter Brakelmann

Foto: pri­vat

Erst­mals ver­lie­hen wur­de der Hans- Ehren­berg-Preis im Jahr 2000 an Prof. Dr. Gün­ter Bra­kel­mann, des­sen Publi­ka­tio­nen das Leben und Werk Hans Ehren­bergs ver­ge­gen­wär­tigt und in ihrer Bedeu­tung für Kir­che und Gesell­schaft erschlos­sen haben. Die Lau­da­tio hielt

Dr. Hans-Det­lef Hoff­mann |  Theo­lo­gi­scher Vize­prä­si­dent der Evang. Kir­che von West­fa­len

Die anschlie­ßen­de Podi­ums­dis­kus­si­on zum The­ma „Pro­tes­tan­tis­mus & Poli­ti­sche Kul­tur“ wur­de bestrit­ten von

Dr. Fritz Pleit­gen | Inten­dant des WDR
Gabrie­le Beh­ler | Bil­dungs­mi­nis­te­rin des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len
Bar­thold C. Wit­te | Kul­tur­po­li­ti­ker
Her­mann Grö­he | Men­schen­rechts­po­li­ti­scher Spre­cher der CDU im Bun­des­tag
Joha­no Stras­ser  | Publi­zist

DOKUMENTATION Hans-Ehren­berg-Preis 2000

Hans Philipp Ehrenberg (1883 – 1958)

Hans Phil­ipp Ehren­berg

Auf­ge­wach­sen in einer jüdi­schen, natio­nal-libe­ra­len Fami­lie in Ham­burg-Alto­na; Stu­di­um der Natio­nal­öko­no­mie und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten; 1906 Pro­mo­ti­on über die Lage der Hüt­ten­ar­bei­ter im Ruhr­ge­biet. Zweit­stu­di­um, Pro­mo­ti­on und Habi­li­ta­ti­on in Phi­lo­so­phie; ab 1910 Pri­vat­do­zent in Hei­del­berg und einer der Begrün­der der Dia­log-Phi­lo­so­phie. In die­sen Jah­ren reift sein Ent­schluss zu kon­ver­tie­ren, im Novem­ber 1909 lässt sich Ehren­berg in Ber­lin pro­tes­tan­ti­sch tau­fen.

Kriegs­frei­wil­li­ger und Fron­t­of­fi­zier im Ers­ten Welt­krieg, ab 1916 zuneh­men­de Dis­tanz zur mili­tä­ri­schen Logik. Ehren­berg wird zum poli­ti­schen Publi­zis­ten, in 13 Leit­ar­ti­keln der renom­mier­ten VOSSISCHEN ZEITUNG rech­net er ab mit dem „all­deut­schen Sys­tem“, jener aggres­si­ven Hege­mo­ni­al­po­li­tik des Deut­schen Rei­ches, mit der Euro­pa zur deut­schen Kolo­nie wer­den soll­te: Mona­te vor Kriegs­en­de, im März 1918, nennt er die „poli­ti­sche Bar­ba­rei“ beim Namen und plä­diert für eine „welt­po­li­ti­sche Bünd­nis­den­kart“. Im Okto­ber 1918 ver­langt er ein „kla­res Ein­ge­ständ­nis des­sen, dass wir alle schul­dig sind“, weil „ver­blen­det von der Illu­si­on des Sie­ges und zu fei­ge zur Wahr­heit“.

Noch vor der Novem­ber-Revo­lu­ti­on 1918 tritt er  —  ein für Hoch­schul­leh­rer spek­ta­ku­lä­rer Schritt  —  der SPD bei und wird Stadt­ver­ord­ne­ter in Hei­del­berg. Zusam­men mit Karl Bar­th, des­sen „Tam­ba­cher Vor­trag“ er ver­legt, enga­giert sich Ehren­berg in der reli­giös-sozia­lis­ti­schen Bewe­gung und wird, wie er spä­ter schrieb, „mit einem oder zwei Trop­fen ‚Welt­re­vo­lu­ti­on‘ ein­ge­rie­ben“, etwas, das „wir nicht los wer­den kön­nen, auch um der Kir­che selbst wil­len nicht.“

Im Dezem­ber 1919 schreibt Ehren­berg über den obers­ten Mili­tär­stra­te­gen des deut­schen Krie­ges, Erich Luden­dorff und des­sen „voll­kom­men kal­te und unmensch­li­che Denk­wei­se, sei­ne lee­re und rohe Geis­tes­art, sei­ne See­len­lo­sig­keit: Die­ser Mann war nicht ein­mal ein gro­ßer Feld­herr.“ Jah­re spä­ter, im Febru­ar 1937, steht die­ser Arti­kel im Zen­trum der Hetz­jagd auf Hans Ehren­berg.

Stu­di­um der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie von 1922 bis 1924. Am 27. Sep­tem­ber 1925 wird Ehren­berg in der Chris­tus­kir­che Bochum in sein Pfarr­amt ein­ge­führt. „Für sein hie­si­ges Wir­ken“, berich­tet die Pres­se, „stell­te Pfar­rer Ehren­berg zwei him­mel­ra­gen­de Sym­bo­le die­ser Stadt in einer packen­den Betrach­tung neben­ein­an­der, Kir­che und Schorn­stein.“

Die rechts­na­tio­na­le Sze­ne aber nimmt den „jüdi­schen Pfar­rer“ sofort ins Visier. Lako­ni­sch Ehren­bergs Erin­ne­rung:

„In Bochum dach­te ich, ohne Anti­se­mi­tis­mus aus­zu­kom­men, aber das kam anders.“

Er setzt sich zur Wehr, hält Vor­trä­ge, publi­ziert, pre­digt, mie­tet Gast­stät­ten in Arbei­ter­vier­teln an und lädt zu öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen. Der Mär­ki­sche Spre­cher nennt ihn den „uner­müd­li­chen Befruch­ter geis­ti­gen Lebens in unse­rer Stadt“.

Im Ruh­rei­sen-Streit von 1928, dem größ­ten Sozi­al­kon­flikt des Ruhr­ge­biets, for­dert Ehren­berg von sei­ner Kir­che, „dass sie, die zum Welt­krieg nicht geschwie­gen hat, zu dem noch ver­derb­li­che­ren Wirt­schafts­krie­ge redet“. Ehren­berg plä­diert für eine „Kir­che der Armen, Ver­folg­ten und Ent­rech­te­ten, die Kir­che des Pro­le­ta­riers“. Erst die­se „gekreu­zig­te Kir­che“ sei die „evan­ge­li­sche ‚Öffent­lich­keits­kir­che‘“.

Sei­ne eige­ne publi­zis­ti­sche Arbeit stellt er, in der End­pha­se der Repu­blik, in den Dienst sei­ner poli­ti­schen Theo­lo­gie: „Es ist das pro­phe­ti­sche Amt der Kir­che, das die Öffent­lich­keits­kir­che unter­baut“, schreibt er im Mai 1930 in der FRANKFURTER ZEITUNG. In der öffent­li­chen Ver­ant­wor­tung der Chris­ten sieht er die ein­zi­ge inhalt­li­che und stra­te­gi­sche Alter­na­ti­ve zum tota­li­tä­ren Sys­tem. Er sel­ber steht bereits seit 1927 im schar­fen Kon­flikt mit der NSDAP, die ihre Hoch­burg in der Bochu­mer Innen­stadt hat.

Über den Vita­lis­mus die­ser völ­ki­schen Bewe­gung, ihren unbe­ding­ten Ver­nich­tungs­wil­len, macht er sich kei­ne Illu­sio­nen, wohl aber über sei­ne Kir­che. Am 4. Juni 1933 ver­öf­fent­licht Ehren­berg  —  mit­ten in der „Gau­haupt­stadt“ Bochum  —  das Bochu­mer Bekennt­nis, kurz dar­auf ver­liert er sein Hei­del­ber­ger Lehr­amt. Im Sep­tem­ber 1935 wird ihm die Staats­bür­ger­schaft ent­zo­gen, sei­ne Ehe mit Else Zim­mer­mann wird als „Ras­sen­schan­de“ gebrand­markt, im Sep­tem­ber 1938 erhält er ein „tota­les Pre­digt- und Rede­ver­bot“, und was ihm an Schutz­raum noch bleibt, ist sei­ne Kir­che. Der Teil der Kir­che, der gegen „Deut­sche Chris­ten“ kämpft.

Im März 1937 aber hält es die obere Kir­chen­be­hör­de für „u.U. nicht aus­ge­schlos­sen“, dass „in unse­rer Kir­che über­haupt kein Raum mehr bleibt“ für Ehren­berg, ihren juden­christ­li­chen Pfar­rer. Weni­ge Tage vor­her hat­te die Gau­lei­tung der Nazis der Kir­chen­lei­tung mit­ge­teilt, „der Jude Ehren­berg“ habe im Dezem­ber 1919 die „Heer­füh­rer“ Hin­den­burg und Luden­dorff „in einer Wei­se ver­un­glimpft, wie es eben nur ein Fremd­stäm­mi­ger tun kann.“ Die Kir­chen­lei­tung wird auf­ge­for­dert, „die Ent­fer­nung des Genann­ten in die Wege zu lei­ten.“

Wäh­rend die Nazi-Pres­se wei­ter gegen den „gott­lo­ben­den Mar­xis­ten“ und sei­ne „jüdi­sche Kniff­lig­keit“ hetzt, mit der er „deut­sche Kin­der“ in „sexu­el­len Din­gen“ unter­rich­te, wird Ehren­berg im Mai 1937 in den Ruhe­stand ver­setzt  —  „in ana­lo­ger Anwen­dung des § 4 der ers­ten Ver­ord­nung zum Reichs­bür­ger­ge­setz“.

„Ana­lo­ge Anwen­dung“ heißt: Die Kir­chen­lei­tung über­nimmt das ras­sis­ti­sche Recht des Staa­tes; Ehren­berg wird geschasst, weil er „Ras­se-Jude“ sei. Bei sei­nen drei Abschieds­got­tes­diens­ten drän­gen sich Tau­sen­de Gemein­de­glie­der in der Pau­lus- und der Chris­tus­kir­che  —  eine gro­ße Demons­tra­ti­on der Beken­nen­den Kir­che in Bochum, eine letz­te. Im Novem­ber­po­grom 1938 wird Ehren­bergs Haus in der Goe­the­s­tra­ße ver­wüs­tet, er sel­ber ins KZ Sach­sen­hau­sen ver­schleppt und  —  als Jude, als Pfar­rer, als Sozi­al­de­mo­krat, als Intel­lek­tu­el­ler  —  mona­te­lang gefol­tert.

Dank der Inter­ven­tio­nen sei­ner Frau und des Bischofs von Chi­ches­ter, Geor­ge Bell, kön­nen Ehren­berg und sei­ne Fami­lie 1939 nach Eng­land emi­grie­ren. Ehren­berg publi­ziert wei­ter gegen die Nazis („Was ist Hit­ler?“). 1943 schreibt er:

„Die Ein­heit der Welt ist ver­lo­ren gegan­gen, wir sind zwei Mensch­hei­ten gewor­den.“

Radi­ka­ler ist das Gegen­über nicht zu den­ken. Aber selbst jetzt hält er fest an dem Glau­ben, dass auch der Men­sch, der eine neue Mensch­heit schaf­fen und sich zum Gegen­spie­ler Got­tes machen will, das Geschöpf Got­tes bleibt. Daher die­se Hoff­nung, die escha­to­lo­gi­sch ist, euro­päi­sch und über­groß,

„dass wir sogar glau­ben kön­nen, es wer­de der Tag kom­men, an dem die See­stre­cke Lon­don-Ham­burg wie­der befah­ren wird. Ich weiß es nicht. Viel­leicht ist es zu viel, dies zu erhof­fen.“

1947 kehrt Ehren­berg in die Bun­des­re­pu­blik zurück, arbei­tet als Pfar­rer für Erwach­se­nen­bil­dung in Bie­le­feld und zieht 1953 nach Hei­del­berg, wo er 1958 ver­stirbt. „Es brauch­te lan­ge, viel zu lan­ge“, so Hans-Det­lef Hoff­mann, Theo­lo­gi­scher Vize­prä­si­dent von Ehren­bergs Lan­des­kir­che, „bis sich die Erkennt­nis Bahn brach, was das Glau­bens- und Lebens­zeug­nis und die wis­sen­schaft­li­che Lebens­leis­tung des Hans Ehren­berg nicht nur für die Kir­che in West­fa­len, son­dern für den Pro­tes­tan­tis­mus über­haupt bedeu­tet.“

Mitglieder der Findungskommission des Hans-Ehrenberg-Preises

Super­in­ten­dent Peter Scheff­ler und Pfar­re­rin Manue­la Thei­le für den Kreis­syn­odal­vor­stand; der Theo­lo­gi­sche Vize­prä­si­dent Albert Henz für die Evan­ge­li­sche Kir­che von West­fa­len; Prof. Dr. Trau­gott Jähni­chen für die Evan­ge­li­sch-Theo­lo­gi­sche Fakul­tät der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum und die Hans-Ehren­berg-Gesell­schaft; Pfar­rer Arno Loh­mann für die Stadt­aka­de­mie Bochum und Pfar­rer Tho­mas Wes­sel für die Chris­tus­kir­che Bochum.