Hans-Ehrenberg-Preis

Protestantische Positionen

Hans Ehrenberg sowie ein Detail der "Helden-Gedenkhalle" im Turm der Christuskirche: Foto-Montage von Marcus Kiel (2001)

Mar­kus Kiel (2001)

Der Hans-Ehren­berg-Preis wird von der Evan­ge­li­sche Kir­che in Bochum in Ver­bin­dung mit der west­fä­li­schen Lan­des­kir­che und in Abstim­mung mit der Bochu­mer Hans-Ehren­berg-Gesell­schaft ver­ge­ben. Er ist mit 5 000 Euro dotiert und wird in der Regel alle zwei Jah­re ver­lie­hen.

Der Preis erin­nert das Leben und Werk von Pro­fes­sor Dr. Hans Ehren­berg [1883 – 1958], Vor­den­ker und Weg­be­rei­ter des kirch­li­chen Wider­stands gegen den tota­li­tä­ren Staat der Nazis.

Ehren­berg  —  poli­ti­scher Publi­zist, jüdisch-christ­li­cher Theo­lo­ge, Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie, ab 1925 Pfar­rer in Bochum  —  ver­öf­fent­lich­te im Früh­jahr 1933 das Bochu­mer Bekennt­nis. Es ist das ers­te öffent­li­che Bekennt­nis einer Kir­che gegen das Regime, ein radi­ka­le Absa­ge an völ­ki­sche Ideo­lo­gie und den Glau­ben an staat­li­che All­macht: Im Bochu­mer Bekennt­nis, so Ehren­bergs Bio­graph Gün­ter Bra­kel­mann,

„war vor­for­mu­liert, was die Bar­mer Syn­ode ein Jahr spä­ter für die gan­ze deut­sche Kir­che beken­nen soll­te“.

Heu­te ist die Bar­mer Theo­lo­gi­sche Erklä­rung von Mai 1934 weg­wei­sen­des Lehr- und Glau­bens­zeug­nis der Evan­ge­li­schen Kir­chen, in der west­fä­li­schen Kir­che ist sie Bekennt­nis­grund­la­ge. An ent­schei­den­der Stel­le aber geht das unter Feder­füh­rung Ehren­bergs for­mu­lier­te Bochu­mer Bekennt­nis über Bar­men hin­aus: Es bekennt „den Gott Abra­hams, Isaaks und Jakobs“, es bekennt den Gott der Juden.

Mit Pre­dig­ten, Büchern und Flug­blät­tern, in hohen Auf­la­gen ver­teilt, hat Ehren­berg, der Juden­christ, das Nazi-Regime ange­grif­fen, der Den­ker gegen den tota­len Staat erhielt „tota­les Rede­ver­bot“. Im Novem­ber-Pro­grom 1938 wur­de Ehren­berg ins KZ Sach­sen­hau­sen ver­schleppt, er hat mona­te­lan­ge Fol­ter über­lebt und konn­te mit sei­ner Fami­lie nach Eng­land emi­grie­ren, sein Lebens­werk aber geriet ins Ver­ges­sen.

Heu­te wer­den mit dem nach ihm benann­ten Preis Per­sön­lich­kei­ten aus­ge­zeich­net, die in öffent­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung pro­tes­tan­ti­sche Posi­ti­on bezie­hen und sie in aktu­el­len poli­ti­schen, kirch­li­chen und wis­sen­schaft­li­chen Kon­tro­ver­sen ver­tre­ten.

» Bio­gra­phie Hans Ehren­berg

Preisträger 2017 | Wim Wenders

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Wim Wen­ders | © Peter Lind­bergh 2015

Die Frei­heit des Glau­bens ist immer auch die Frei­heit der Kunst: Im Jubi­lä­ums­jahr der Refor­ma­ti­on wird ein Künst­ler geehrt. Die Lau­da­tio auf Wim Wen­ders  —  Regis­seur und Autor, Foto­graph und Pro­du­zent, einer der bedeu­tends­ten Film­künst­ler der Gegen­wart  —  hielt der Vor­sit­zen­de des Rates der Evang. Kir­che in Deutsch­land, Dr. Hein­rich Bed­ford-Strohm. Die Prä­ses der Evang. Kir­che von West­fa­len, Annet­te Kur­schus, sprach das Geist­li­che Wort.

Geehrt wur­de Wen­ders für einen künst­le­ri­schen Stil, „der Frei­raum lässt für das, was unver­füg­bar ist“, heißt es in der Begrün­dung der Fin­dungs­kom­mis­si­on: Die Bil­der, die Wen­ders schaf­fe, „laden dazu ein, das Bil­der­lo­se mit­zu­den­ken, das Hei­li­ge im Welt­li­chen, die Wür­de des Pro­fa­nen“.

» „Eine gro­ße Meta­pher für die­ses Land“ | Pres­se­mit­tei­lung 
» „4 Fra­gen an Wim Wen­ders“ | Pres­se­mit­tei­lung 

Wim Wen­ders Werk als Dreh­buch­au­tor, Regis­seur, Pro­du­zent, Pho­to­graph und Autor umfasst  —  neben sei­nen viel­fach preis­ge­krön­ten Spiel­fil­men  —  zahl­rei­che inno­va­ti­ve Doku­men­tar­fil­me, welt­wei­te Pho­to­aus­stel­lun­gen sowie diver­se Bild­bän­de, Film­bü­cher und Text­samm­lun­gen. Er lebt und arbei­tet zusam­men mit sei­ner Frau Dona­ta Wen­ders, einer renom­mier­ten Foto-Künst­le­rin, in Ber­lin. Wen­ders ist Mit­glied der Aka­de­mie der Küns­te in Ber­lin, Ehren­dok­tor der Sor­bon­ne in Paris, der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Fri­bourg, der Uni­ver­si­ty of Lou­vain sowie der Fakul­tät für Archi­tek­tur der Uni­ver­si­tät Cata­nia, er ist Trä­ger des Ordens Pour le Méri­te, Prä­si­dent der Euro­pean Film Aca­de­my und Pro­fes­sor em. an der Hoch­schu­le für Bil­den­de Küns­te in Ham­burg. 

» Bio­gra­phie Wim Wen­ders

Preisträger 2015 | Heinrich Bedford-Strohm

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Hein­rich Bed­ford-Strohm | Foto ELKB/Rost

Der Vor­sit­zende des Rates der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land, Prof. Dr. Hein­rich Bed­ford-Strohm  —  von Bun­des­mi­nis­ter Sig­mar Gabri­el, dem Stell­ver­tre­ter der Bun­des­kanz­le­rin lau­da­tiert  —  wur­de „für sei­ne öffent­li­che Theo­lo­gie gewür­digt, mit der er den Pro­tes­tan­tis­mus prä­gnant und poli­tisch pro­fi­liert reprä­sen­tiert“ und „für die Impul­se, die er dem Zusam­men­le­ben in einer plu­ra­len Gesell­schaft gibt“: Bed­ford-Strohm löse „das von Hans Ehren­berg ent­wi­ckel­te Pro­gramm einer evan­ge­li­schen Öffent­lich­keits­kir­che ein“. Der Fest­akt wur­de dia­lo­gisch gestal­tet, „Posi­tion bezie­hen“  war der Titel des von Bernd Becker, Direk­tor des Evang. Pres­se­ver­ban­des, mode­rier­ten Dia­logs über aktu­el­le Her­aus­for­de­run­gen poli­tisch-ver­ant­wort­li­chen Han­delns: Bed­ford-Strohm, so Gabri­el mit hör­ba­rer Sym­pa­thie, ste­he dafür ein, dass Chris­ten­tum und Frem­den­feind­lich­keit unver­ein­bar, Chris­ten­tum und sozia­le Gerech­tig­keit dage­gen untrenn­bar sei­en

Lau­da­tio:

SIGMAR GABRIEL  | Bun­des­mi­nis­ter, Stell­ver­tre­ter der Bun­des­kanz­le­rin

Gruß­wort
THOMAS EISKIRCH | Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Bochum

» Wei­te­re Infor­ma­ti­on hier 

 

Preisträger 2013 | Manfred Sorg und Eduard Wörmann

Eduard Wörmann, Manfred Sorg

Edu­ard Wör­mann, Man­fred Sorg | EKvW

Wie gehen wir mit Rechts­bre­chern um, die psy­chisch krank sind  —  und wie mit Bür­ger­pro­test, der sich gegen den Bau einer Foren­si­schen Kli­nik wehrt? Man­fred Sorg und Edu­ard Wör­mann haben die­se Fra­gen neu gestellt: Was bedeu­tet Men­schen­wür­de im Maß­re­gel­voll­zug? Wie lässt sich die Wür­de derer wah­ren, denen schwe­res Leid zuge­fügt wor­den ist, und wie die Wür­de der Täter, die, bei aller Schwe­re der Tat, nicht auf­ge­hen in ihr? Wie die Wür­de der Mit­ar­bei­ten­den wah­ren und der Anrai­ner, die ein Recht dar­auf haben, sich im eige­nen Stadt­teil sicher zu füh­len? 1997 haben der dama­li­ge Prä­ses der west­fä­li­schen Kir­che und der Lei­ter des Amtes für Indus­trie- und Sozi­al­ar­beit den Initia­tiv­kreis „Sicher­heit durch The­ra­pie“ ins Leben geru­fen, haben Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens ins Gespräch gebracht mit Fach­leu­ten, ört­li­cher Poli­tik, Bür­ger­initia­ti­ven und Medi­en­ver­tre­tern. Haben gegen Angst­kam­pa­gni­en auf Infor­ma­ti­on gesetzt und dar­auf bestan­den, dass der Maß­re­gel­voll­zug eine „gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be“ bleibt. Sol­che For­men des Dia­logs sind exem­pla­risch dafür, Bür­ger­pro­test zu demo­kra­ti­sie­ren.

Lau­da­tio­nes

DR. MICHAEL BERTRAMS | Prä­si­dent a.D. des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs NRW
UWE DÖNISCH-SEIDEL | Lan­des­be­auf­tragter für den Maß­re­gel­voll­zug in NRW

Gruß­wort
THOMAS EISKIRCH | MdL

» Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: „Fes­te Burg, gute Wehr? Demo­kra­tie und Bür­ger­pro­test“.

 

Preisträgerin 2011 | Antje Vollmer

Antje Vollmer - mit dem Hans-Ehrenberg-Preis 2011 ausgezeichnet

credits | Jim Rake­te

So wie Hans Ehren­berg das dia­lo­gi­sche Prin­zip  —  Macht ohne Gewalt  —  für die neue­re poli­ti­sche Phi­lo­so­phie frucht­bar gemacht hat, so Ant­je Voll­mer für die poli­ti­sche Arbeit selbst. Gewür­digt wur­de sie „für ihre poli­ti­schen Initia­ti­ven, mit denen sie in schein­bar aus­weg­lo­sen  gesell­schaft­li­chen Kon­flik­ten Ver­stän­di­gungs­pro­zes­se aus­löst“.

Wie drin­gend not­wen­dig sol­che Dia­lo­ge sind, wie müh­sam und kräf­te­zeh­rend für alle, die sie füh­ren, hat der Abend sel­ber gezeigt: „Bei der Ver­lei­hung des Ehren­berg-Prei­ses wur­den auch ehe­ma­li­ge Heim­kin­der gehört“, schrieb Bene­dikt Rei­chel in den Ruhr Nach­rich­ten: „Zu gern, zu leicht­fer­tig wird Pro­test ande­ren­orts abge­schirmt. Die­ser Abend hat im Sin­ne des Namens­ge­bers, im Sin­ne des Dia­logs, zumin­dest für den Außen­ste­hen­den einen Bruch­teil der ver­här­te­ten Fron­ten bre­chen las­sen.“ Die Lau­da­tio wur­de als Gespräch geführt über „Wege der Ver­söh­nung im öffent­li­chen Leben“, betei­ligt waren:

Dr. Mar­got Käß­mann | Hono­rar­pro­fes­so­rin an der Ruhr-Uni­ver­si­tät
Dr. Ant­je Voll­mer
Rein­hard Mawick | Pres­se­spre­cher der Evang. Kir­che in Deutsch­land (EKD)
Sprecher/innen von Initia­ti­ven ehe­ma­li­ger Heim­kin­der

» Die Fin­dungs­kom­mis­si­on begrün­det die Wür­di­gung
» Öffent­li­che, teils hef­ti­ge Dis­kus­si­on auf die­ser Sei­te [län­ge­re Lade­zeit wg. vie­ler Kom­men­ta­re]
» Diver­se Medi­en­be­rich­te

DOKUMENTATION Hans-Ehren­berg-Preis 2011 [pdf]

Preisträgerin 2009 | Edna Brocke

Dr. Edna Bro­cke | © Ayla Wes­sel, Kul­tur­agen­tüer

Die Lei­te­rin der Alten Syn­ago­ge Essen, des Hau­ses jüdi­scher Kul­tur, wur­de für die Impul­se gewür­digt, die sie zur Neu­ori­en­tie­rung des deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus gegen­über dem Juden­tum und dem Staat Isra­el gege­ben hat. Ihre Ana­ly­sen des Ver­hält­nis­ses von Juden, Israe­lis und Deut­schen sowie ihre Kri­tik des moder­nen Anti­se­mi­tis­mus befä­hi­gen dazu, „aus dem jüdisch-christ­li­chen Dia­log her­aus das Unter­schei­den­de frucht­bar zu machen, weil die Gren­ze der wirk­lich frucht­ba­re Ort der Erkennt­nis ist.“

Lau­da­tio und Respons hiel­ten

Dr. Fritz Pleit­gen | Geschäfts­füh­rer der Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas RUHR.2010
Dr. Klaus Wengst | Prof. em. für Neu­es Tes­ta­ment an der Ruhr Uni­ver­si­tät Bochum
Dr. Gün­ter Bra­kel­mann | Prof. em. und Ehren­berg-Bio­graph
Dr. Edna Bro­cke

Gemein­sa­mes The­ma ihrer Bei­trä­ge: „Isra­el & Wir“. Edna Bro­cke beton­te die  —  eben nicht reli­gi­ös oder poli­tisch,  son­dern  —  „exis­ten­zi­ell unter­schied­li­che Aus­gangs­po­si­ti­on“ im jüdisch-christ­li­chen Gespräch. Fritz Pleit­gen schlug coram publi­co vor, dass eine Stadt in Isra­el dem­nächst Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas wer­den sol­le.

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Preisträgerin 2006 | Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

Akti­on Süh­ne­zei­chen Frie­dens­diens­te

„Der Selbst­ge­rech­tig­keit und dem Hass eine Kraft ent­ge­gen­set­zen“, hieß es im Grün­dungs­auf­ruf der Akti­on Süh­ne­zei­chen Frie­dens­diens­te. Weni­ge Wochen nach dem Tod Hans Ehren­bergs gegrün­det, hat die Initia­ti­ve — aus der Ein­sicht her­aus, dass die evan­ge­li­sche Kir­che eine Mit­ver­ant­wor­tung trägt für die Ver­bre­chen des NS-Regimes — einer euro­päi­schen Erin­ne­rung und Ver­stän­di­gung den Weg geeb­net.

Die Lau­da­tio hiel­ten in Form einer Podi­ums­dis­kus­si­on über die Fra­ge „Wie weit reicht Euro­pa?“

Peter Alt­mai­er | MdB, Par­la­men­ta­ri­scher Staats­se­kre­tär, in Ver­tre­tung des Bun­des­mi­nis­ters des Innern, Dr. Wolf­gang Schäub­le
Lale Akgün | MdB
Axel Schä­fer | MdB
Alfred Buß | Prä­ses der Evang. Kir­che von West­fa­len
Ulrich Reitz | Chef­re­dak­teur der West­deut­schen All­ge­mei­nen WAZ 

Dr. Franz von Ham­mer­stein [†] | Ehren­vor­sit­zen­der der ASF, nahm den Preis ent­ge­gen.

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Preisträger 2004 | Robert Leicht

credits | Vol­ker Wiciok

Der Jour­na­list Prof. Dr. h.c. Robert Leicht, Poli­ti­scher Kor­re­spon­dent der Ham­bur­ger Wochen­zei­tung DIE ZEIT, wur­de für sei­ne publi­zis­ti­schen Inter­ven­tio­nen aus­ge­zeich­net, mit denen er den Kern der refor­ma­to­ri­schen Leh­re  —  dass die Wür­de des Ein­zel­nen mehr ist als die Sum­me sei­ner Taten und Unta­ten  —  in gesell­schafts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen aktua­li­siert.

Wo nötig, mar­kiert Leicht auch die Gren­ze des Dia­logs: Im Herbst 2002 war Leicht der ers­te Leit­ar­tik­ler deutsch­spra­chi­ger Leit­me­di­en gewe­sen, der die anti-jüdi­schen Res­sen­ti­ments des Herrn Möl­le­mann ver­ur­teilt hat­te: „Sie las­sen sich nicht ent­schul­di­gen, sie wur­zeln tief im Den­ken und nicht bloß ober­fläch­lich im Reden.“ Die Frei­heit der Gewis­sen, so Leicht über auch die Frei­heit der Pres­se, begrün­de nicht die Frei­heit, das Gewis­sen zu sus­pen­die­ren. Die Lau­da­tio­nes zum The­ma „Öffent­lich & Frei“ hiel­ten

Dr. Mar­got Käß­mann | Lan­des­bi­schö­fin der Evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Han­no­vers
Dr. Nor­bert Lam­mert | Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges

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Preisträger 2002 | Präses Manfred Kock & Karl Kardinal Lehmann

credits | Hänisch, UK

Den Hans-Ehren­berg-Preis 2002 nah­men der Vor­sit­zen­de der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Karl Kar­di­nal Leh­mann, und der Vor­sit­zen­de des Rates der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land, Prä­ses Man­fred Kock, gemein­sam ent­ge­gen.

Aus­ge­zeich­net wur­den die obers­ten Reprä­sen­tan­ten der bei­den Kir­chen für ihre Ver­diens­te um ein öku­me­ni­sches Gespräch, das einer Zukunft in Soli­da­ri­tät und welt­wei­ter Gerech­tig­keit ver­pflich­tet ist. Lau­da­tio und Gruß­wor­te zum The­ma „Gemein­sa­mes Sozi­al­wort der Kir­chen“ hiel­ten

Dr. Otto Graf Lambs­dorff [†]| Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter a.D.
Peer Stein­brück | Minis­ter­prä­si­dent des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len
Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der sand­te sein Gruß­wort per Fax.

» DOKUMENTATION Hans-Ehren­berg-Preis 2002

Preisträger 2000 | Günter Brakelmann

Prof. Dr. Günter Brakelmann

Foto: pri­vat

Erst­mals ver­lie­hen wur­de der Hans- Ehren­berg-Preis im Jahr 2000 an Prof. Dr. Gün­ter Bra­kel­mann, des­sen Publi­ka­tio­nen das Leben und Werk Hans Ehren­bergs ver­ge­gen­wär­tigt und in ihrer Bedeu­tung für Kir­che und Gesell­schaft erschlos­sen haben. Die Lau­da­tio hielt

Dr. Hans-Det­lef Hoff­mann |  Theo­lo­gi­scher Vize­prä­si­dent der Evang. Kir­che von West­fa­len

Die anschlie­ßen­de Podi­ums­dis­kus­si­on zum The­ma „Pro­tes­tan­tis­mus & Poli­ti­sche Kul­tur“ wur­de bestrit­ten von

Dr. Fritz Pleit­gen | Inten­dant des WDR
Gabrie­le Beh­ler | Bil­dungs­mi­nis­te­rin des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len
Bar­t­hold C. Wit­te | Kul­tur­po­li­ti­ker
Her­mann Grö­he | Men­schen­rechts­po­li­ti­scher Spre­cher der CDU im Bun­des­tag
Joha­no Stras­ser  | Publi­zist

DOKUMENTATION Hans-Ehren­berg-Preis 2000

Hans Philipp Ehrenberg (1883 – 1958)

Hans Phil­ipp Ehren­berg

Am 4. Juni 1883 jüdisch gebo­ren und im kul­tur­bür­ger­li­chen Milieu von Ham­burg-Alto­na auf­ge­wach­sen.

Stu­di­um der Natio­nal­öko­no­mie und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten; sei­ne Dok­tor­ar­beit schreibt er 1906 über die Lage der Hüt­ten­ar­bei­ter im Ruhr­ge­biet.

Stu­di­um der Phi­lo­so­phie, ab 1910 Pri­vat­do­zent in Hei­del­berg. Wäh­rend die­ser Jah­re fin­det Ehren­berg zu einem christ­lich begrün­de­ten Exis­ten­zia­lis­mus: Im Novem­ber 1909 lässt er sich in Ber­lin pro­tes­tan­tisch tau­fen.

1914: Ehren­berg wird Front­of­fi­zier im Ers­ten Welt­krieg, ab 1916 geht er auf Distanz zur mili­tä­ri­schen Logik, er wird zum poli­ti­schen Publi­zis­ten: In füh­ren­den Blät­tern gei­ßelt er die „poli­ti­sche Bar­ba­rei“ des Deut­schen Rei­ches und plä­diert für eine „welt­po­li­ti­sche Bünd­nis­den­k­art“.

1918 Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie in Hei­del­berg: Ehren­berg begrün­det — zusam­men mit Mar­tin Buber, Franz Rosen­zweig ua — die Dia­log-Phi­lo­so­phie, er zählt zu den pro­mi­nen­ten Den­kern die­ser Zeit. Dann ein für Hoch­schul­leh­rer spek­ta­ku­lä­rer Schritt, er tritt — noch vor der Novem­ber-Revo­lu­ti­on 1918 — der SPD bei, wird Stadt­ver­ord­ne­ter in Hei­del­berg und enga­giert sich zusam­men mit Karl Barth (des­sen „Tam­ba­cher Vor­trag“ er ver­legt) in der reli­gi­ös-sozia­lis­ti­schen Bewe­gung.

1922 Stu­di­um der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie, im Sep­tem­ber 1925 wird er in der Chris­tus­kir­che Bochum zum Pfar­rer ordi­niert. Ehren­berg  —  sein Bezirk ist die Bochu­mer Innen­stadt mit der Pau­lus­kir­che  —  wird zum Mit­tel­punkt der öku­me­ni­schen Arbeit­neh­mer­be­we­gung; sei­ne Erwach­se­nen­bil­dung grenzt sich scharf ab von Faschis­mus einer- und Bol­sche­wis­mus ande­rer­seits: In der öffent­li­chen Ver­ant­wor­tung der Chris­ten als Chris­ten sieht er die ein­zi­ge inhalt­li­che und stra­te­gi­sche Alter­na­ti­ve zum tota­li­tä­ren Den­ken, das die Repu­blik zer­reißt.

Die rechts­na­tio­na­le Sze­ne  —  sie hat ihre Hoch­burg in der Bochu­mer Innen­stadt  —  nimmt ihn direkt ins Visier: Ehren­berg ver­eint, was immer Nazis ver­hasst ist, er ist Jude und Juden­christ, Intel­lek­tu­el­ler und Lin­ker, Libe­ra­ler und Demo­krat, ein Pfar­rer. Lako­nisch sei­ne Erin­ne­rung:

„In Bochum dach­te ich, ohne Anti­se­mi­tis­mus aus­zu­kom­men, aber das kam anders.“

Er setzt sich zur Wehr, hält Vor­trä­ge, publi­ziert, pre­digt, mie­tet Gast­stät­ten in Bochu­mer Arbei­ter­vier­teln an und lädt zu öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen  —  der MÄRKISCHE SPRECHER nennt ihn den „uner­müd­li­chen Befruch­ter geis­ti­gen Lebens in unse­rer Stadt“. Auf die­se Wei­se kämpft er für eine „Kir­che der Armen, Ver­folg­ten und Ent­rech­te­ten“, eine Kir­che, die nicht Gehor­sam pre­digt, son­dern selb­stän­di­ges Den­ken — die „evan­ge­li­sche ‚Öffent­lich­keits­kir­che‘“:

„Es ist das pro­phe­ti­sche Amt der Kir­che, das die Öffent­lich­keits­kir­che unter­baut“,

schreibt er im Mai 1930 in der FRANKFURTER ZEITUNG. Ehren­bergs Stim­me wird repu­blik­weit gehört, sie hat Gewicht, er macht sich  —  nach innen wie außen  —  eini­ge Freun­de und etli­che Fein­de. Sei­ne gesam­te publi­zis­ti­sche Arbeit stellt er jetzt, in der End­pha­se der Repu­blik, in den Dienst sei­ner poli­ti­schen Theo­lo­gie:

Ehren­berg wird zum Vor­den­ker und Weg­be­rei­ter des kirch­li­chen Wider­stands gegen die Nazis.

Noch im Früh­jahr 1933  —  das Land liegt im völ­ki­schen Tau­mel  —  for­mu­liert er das BOCHUMER BEKENNTNIS, rund 100 Pfar­rer  —  unter ihnen Mar­tin Niem­öl­ler und Lud­wig Steil  —  unter­zeich­nen es: Am 4. Juni 1933, dem Pfingst­sonn­tag, ver­öf­fent­licht, ist es das ers­te Bekennt­nis einer Kir­che gegen das tota­li­tä­re Regime — eine radi­ka­le Absa­ge an völ­ki­sche Ideo­lo­gie und den Glau­ben an staat­li­che All­macht. Im Bochu­mer Bekennt­nis, so Ehren­bergs Bio­graph Gün­ter Bra­kel­mann,

„war vor­for­mu­liert, was die Bar­mer Syn­ode ein Jahr spä­ter für die gan­ze deut­sche Kir­che beken­nen soll­te“.

Heu­te ist die Bar­mer Theo­lo­gi­sche Erklä­rung von Mai 1934 weg­wei­sen­des Lehr- und Glau­bens­zeug­nis der Evan­ge­li­schen Kir­chen, in der west­fä­li­schen Lan­des­kir­che ist sie Bekennt­nis­grund­la­ge. An ent­schei­den­der Stel­le aber geht das Bochu­mer Bekennt­nis über Bar­men hin­aus, es bekennt sich aus­drück­lich zum „Gott Abra­hams, Isaaks und Jakobs“, es bekennt — anders als Bar­men — den Gott der Juden.

Der Nazi-Staat reagiert, Ehren­berg wird sein Lehr­amt für Phi­lo­so­phie ent­zo­gen und im Sep­tem­ber 1935 die Staats­bür­ger­schaft, sei­ne Ehe mit Else Zim­mer­mann wird als „Ras­sen­schan­de“ gebrand­markt, die Nazi-Pres­se hetzt gegen den „gott­lo­ben­den Mar­xis­ten“ und sei­ne „jüdi­sche Kniff­lig­keit“ und dass er „deut­sche Kin­der“ in „sexu­el­len Din­gen“ unter­rich­te usw.: Ehren­berg ist vogel­frei, der ein­zi­ge Schutz­raum, der ihm noch bleibt, ist sei­ne Kir­che.

Die obe­re Kir­chen­be­hör­de aber drängt dar­auf, dass „in unse­rer Kir­che über­haupt kein Raum mehr bleibt“ für ihn: Im Mai 1937 ver­setzt sie ihren pro­mi­nen­ten Pfar­rer in den Ruhe­stand. Begrün­dung: Ehren­berg  — ein Jude, wie Jesus einer war  —  sei, was die Nazi-Geset­ze „Ras­se-Jude“ nen­nen und des­halb aus dem Dienst „zu ent­fer­nen“. Ein unfass­ba­rer Vor­ge­hen: Das Kon­sis­to­ri­um wen­det den „Ari­er-Para­gra­phen“ und damit das anti­se­mi­ti­sche Prin­zip auf die Kir­che an. Die Rol­le der dama­li­gen Kir­chen­lei­tung, so die Stif­ter des Hans-Ehren­berg-Prei­ses, kön­ne man heu­te „nur mit Erschüt­te­rung und Scham zur Kennt­nis neh­men“.

Bei den drei Abschieds­got­tes­diens­ten, die Ehren­berg noch hal­ten kann, drän­gen sich Tau­sen­de in der Pau­lus- und der Chris­tus­kir­che  —  eine gewal­ti­ge Demons­tra­ti­on der Beken­nen­den Kir­che in Bochum, ihre letz­te. Ehren­berg aller­dings publi­ziert wei­ter­hin, sei­ne Schrif­ten wan­dern, in sechst­stel­li­gen Auf­la­gen gedruckt, ille­gal durchs Land: Im Sep­tem­ber 1938 erhält er, der Den­ker gegen den tota­len Staat, „tota­les Pre­digt- und Rede­ver­bot“ durch eben die­sen Staat. Wenig spä­ter, im Novem­ber­po­grom 1938, wird sein Haus in der Goe­the­stra­ße ver­wüs­tet, er sel­ber wird ins KZ Sach­sen­hau­sen ver­schleppt und mona­te­lang gefol­tert.

Dank der Inter­ven­tio­nen sei­ner Frau und des Bischofs von Chi­ches­ter, Geor­ge Bell, kann er mit sei­ner Fami­lie 1939 nach Eng­land emi­grie­ren. Im Exil  —  auch dort ist sein Name pro­mi­nent  —  unter­stützt er die Alli­ier­ten in ihrem Krieg gegen die Nazis, 1943 schreibt er:

„Die Ein­heit der Welt ist ver­lo­ren gegan­gen, wir sind zwei Mensch­hei­ten gewor­den.“

Radi­ka­ler ist kein Gegen­über zu den­ken. Am Ende, so Gün­ter Bra­kel­mann, „gab es nichts mehr zu ver­mit­teln zwi­schen Chris­tus und sei­nem Wider­sa­cher, zwi­schen Kir­che und NS-Tota­li­tät“. Selbst jetzt aber, in die­sem radi­ka­len Gegen­über, hält Ehren­berg fest an einer Hoff­nung, die bei­des ist, euro­pä­isch und escha­to­lo­gisch und so groß,

„dass wir sogar glau­ben kön­nen, es wer­de der Tag kom­men, an dem die See­stre­cke Lon­don-Ham­burg wie­der befah­ren wird. Ich weiß es nicht. Viel­leicht ist es zu viel, dies zu erhof­fen.“

1947 kehrt Ehren­berg in die Bun­des­re­pu­blik zurück, sein Bochu­mer Pfarr­amt bleibt ihm – ein erneu­tes Ver­sa­gen sei­ner Kir­che — ver­sperrt, er wird Pfar­rer für Erwach­se­nen­bil­dung in Bie­le­feld, 1953 zieht er nach Hei­del­berg, wo er 1958 ver­stirbt.

„Es brauch­te lan­ge, viel zu lan­ge“, so die Stif­ter des Hans-Ehren­berg-Prei­ses, „bis wir begrif­fen hat­ten, was das Glau­bens- und Lebens­zeug­nis und die wis­sen­schaft­li­che Lebens­leis­tung des Hans Ehren­berg nicht nur für die Kir­che in West­fa­len, son­dern für den Pro­tes­tan­tis­mus über­haupt bedeu­tet.“

Zum Ver­gleich: Den Mili­tärs des 20. Juli war Wider­stand gegen Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus fremd, Pro­tes­te gegen die ras­sis­ti­schen Geset­ze, Pogro­me und schließ­lich die Ermor­dung der Juden sind von so gut wie kei­nem ver­merkt. Peter Stein­bach, Lei­ter der Gedenk­stät­te Deut­scher Wider­stand in Ber­lin:

„Man muss den mili­tä­ri­schen Wider­stand im Umkreis des 20. Juli mit einer ande­ren Grup­pe kon­tras­tie­ren, zum Bei­spiel mit den katho­li­schen und den evan­ge­li­schen Geist­li­chen, die sehr früh erkann­ten, als klei­ne Grup­pe sehr früh erkann­ten, was Anti­se­mi­tis­mus bedeu­te­te als Ursa­che für den Ver­lust huma­ner Ori­en­tie­rung. Die Ein­zi­gen, die im Grun­de sofort rela­tiv früh dem ideo­lo­gi­schen Ras­sen­an­ti­se­mi­tis­mus ent­ge­gen tre­ten, sind eini­ge Chris­ten.“

Mitglieder der Findungskommission des Hans-Ehrenberg-Preises

Super­in­ten­dent Dr. Gerald Hag­mann und Pfar­re­rin Manue­la Thei­le für den Vor­stand der Evan­ge­li­schen Kir­che in Bochum; der Theo­lo­gi­sche Vize­prä­si­dent Albert Henz für die Kir­chen­lei­tung der Evan­ge­li­schen Kir­che von West­fa­len; Prof. Dr. Trau­gott Jähni­chen für die Evan­ge­lisch-Theo­lo­gi­sche Fakul­tät der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum und die Hans-Ehren­berg-Gesell­schaft; Pfar­rer Arno Loh­mann für die Stadt­aka­de­mie Bochum; Pfar­rer Tho­mas Wes­sel für die Chris­tus­kir­che Bochum, der Pre­digt­stät­te Ehren­bergs.