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Christuskirche, Konzert des Tingvall Trios | Foto: Ayla Wessel, Kulturagentüer

Ich bin Jude. „Wäre ich kein Jude“, so Hannah Arendt 1942, „sondern gehörte irgendeinem anderen europäischen Volke zu, mir würden sich vor Angst die Haare auf dem Kopf sträuben, sobald einem Juden ein Haar gekrümmt wird.“ In Paris wurden ermordet: Yohan Cohen (22), Philippe Braham (45), François-Michel Saada (63), Yoav Hattab (21), sie wurden ermordet, weil sie Juden waren. Dass die Ermordung der europäischen Juden gestoppt werden konnte, liegt ein Menschenleben zurück.

Am 27. Januar jährt sich der Tag, an dem ihrer gedacht werde, zum 70. Mal. Wie es den Juden Europas ergeht, zeigt, mit Hannah Arendt gesprochen, allen an, wohin die Reise aller geht.

Es ist eine der elementaren Erfahrungen, die sich nach Auschwitz überhaupt greifen lassen: dass Solidarität mit Juden dasselbe gewesen wäre wie Solidarität mit uns allen. Und dass es von solcher Solidarität viel zu wenig gegeben hat in Europa: “Es ist längst kein Geheimnis mehr”, so der polnische Historiker Feliks Tych am 27. Januar 2010 vor dem Deutschen Bundestag,

“dass fast in jedem europäischen Land, in dem die nationalsozialistischen Deutschen ihr Projekt zur Ausrottung der Juden verwirklichten, ein Teil der einheimischen Bevölkerung so oder anders in den Völkermord verwickelt war: sei es als Retter, als Täter, Denunzianten, als den Tätern geneigte Zuschauer oder sei es nur als Profiteure, die sich selbst die Hände nicht schmutzig machten, und vor allem als Gleichgültige.”

Diese Einsicht droht, kaum erinnert, vergessen zu werden: Die Zeitzeugen sterben, die Generation derer, die den Mördern entkam ebenso wie die Generation derer, die eigenhändig mordeten, Fluchtwege verstellten, Züge steuerten, Listen führten, die Möbel ersteigerten oder Hände falteten. Dass diese Generationen abtreten, ist ein europäisches Phänomen.

Im selben Moment, auch das ist ein europaweites Phänomen und kein deutsches, tritt neuer Antisemitismus an. Sein Kennzeichen: die verweigerte Solidarität mit Israel. Die Weigerung gibt sich als “Israel-Kritik” aus: Als kritisch gilt im dicht-besiedelten Europa, den Bau von Siedlungen als aggressiven Akt zu verstehen, als etwas, das den “Weltfrieden” bedrohe. Die “Siedlungsfrage” als neue “die Judenfrage”  –  sehr behutsam hat Edna Brocke in der Christuskirche vor einiger Zeit die Frage gestellt, ob es bei dieser Art von Kritik vielleicht gar nicht um Israel gehe oder um Palästinenser, sondern

“primär vielleicht um Europäer? Schließlich haben mit drei Ausnahmen alle europäischen Staaten bei der Shoah mitgemacht. Die Ausnahmen sind Bulgarien, das faschistische Italien und Dänemark, die ihre Juden zu retten versucht haben, alle anderen Staaten haben mehr oder weniger intensiv mitgemacht.”

Geht es, wenn wir Auschwitz erinnern, um uns, die Europäer? Geht es um uns, wenn wir Israel kritisieren, und geht es auch jetzt um uns, wenn wir auf den Terror reagieren, den die Pariser Dschihadisten verübt haben?

Wenn ja, dann sollte der Terror in Paris wirklich jedem in Europa klar gemacht haben, mit wem es Israel zu tun hat. Und was das wäre, ein europäisches Gefühl. Je suis Charlie, ich bin Jude.


KONZERT ZUM 70. JAHRESTAG DER BEFREIUNG VON AUSCHWITZ

Mit Giora Feidman, clar | Enrique Ugarte, acc | Guido Jäger, bass

Das Konzert am Sonntag, 25. Januar  steht am Beginn der Woche, in der sich der 27. Januar jährt, Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Am 27. Januar lädt die JÜDISCHE GEMEINDE BOCHUM-HERNE-HATTINGEN ab 16:30 Uhr zu einer öffentlichen Gedenkstunde in die Synagoge ein.

Mehr Informationen: hier

Update_1: “Früher haben Minenarbeiter Kanarienvögel in die Gruben mitgenommen. Wenn es dem Vogel schlecht ging, wussten sie, es wird riskant. Wir Juden sind die Kanarienvögel einer Gesellschaft. Wenn wir angegriffen werden, ist es ein Zeichen dafür: Die ganze Gesellschaft ist in Gefahr.” René Bouzier [49], jüdischer Franzose, auf spiegel-online