Hans-Ehrenberg-Preis

Protestantische Positionen

Hans Ehrenberg sowie ein Detail der "Helden-Gedenkhalle" im Turm der Christuskirche: Foto-Montage von Marcus Kiel (2001)
Mar­kus Kiel (2001)

Im Früh­jahr 1933 ver­öf­fent­licht Hans Ehren­berg das Bochu­mer Bekennt­nis. Es ist das erste Bekennt­nis einer Kir­che im „Drit­ten Reich“  -  ein radi­kale Absage an völ­ki­sche Ideo­lo­gie und theo­lo­gi­schen Anti­se­mi­tis­mus: Im Bochu­mer Bekennt­nis wird „der Sohn des leben­di­gen Got­tes“ bezeugt, „des Got­tes Abra­hams, Isaaks und Jakobs“.

Damit ebnet Ehren­berg [hier seine Bio­gra­phie] den Weg für die Grün­dung der Beken­nen­den Kir­che: Im Bochu­mer Bekennt­nis, schreibt Gün­ter Bra­kel­mann, „war vor­for­mu­liert, was die Bar­mer Syn­ode spä­ter für die ganze deut­sche Kir­che beken­nen sollte“.

Mit Bro­schü­ren und Flug­blät­tern, in hoher Auf­lage über ganz Deutsch­land ver­teilt, greift Ehren­berg den tota­li­tä­ren Staat an, erhält „tota­les Rede­ver­bot“, wird ver­haf­tet, gefol­tert, er über­lebt das KZ. Heute wer­den mit dem nach Hans Ehren­berg benann­ten Preis Per­sön­lich­kei­ten ausgezeichnet,

„die in öffent­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung pro­tes­tan­ti­sche Posi­tion bezie­hen und sie in aktu­el­len poli­ti­schen, kirch­li­chen und wis­sen­schaft­li­chen Kon­tro­ver­sen vertreten“.

Der Hans-Ehrenberg-Preis wird vom Evan­ge­li­schen Kir­chen­kreis Bochum in Ver­bin­dung mit der Evan­ge­li­schen Kir­che von West­fa­len und in Abstim­mung mit der Bochu­mer Hans-Ehrenberg-Gesellschaft ver­ge­ben. Er ist mit 5 000 Euro dotiert und wird in der Regel alle zwei Jahre verliehen.

Preis­trä­ger 2013: Man­fred Sorg und Edu­ard Wörmann

Eduard Wörmann, Manfred Sorg
Edu­ard Wör­mann, Man­fred Sorg | EKvW

Der Fest­akt zur Ver­lei­hung des Hans-Ehrenberg-Preises fin­det am 10. Okto­ber 2013 statt. Aktu­elle Infor­ma­tio­nen hier: „Feste Burg, gute Wehr? Demo­kra­tie und Bürgerprotest“.

Preis­trä­ge­rin 2011: Antje Vollmer

Antje Vollmer - mit dem Hans-Ehrenberg-Preis 2011 ausgezeichnet
credits | Jim Rakete

So wie Hans Ehren­berg das dia­lo­gi­sche Prin­zip  -  Macht ohne Gewalt  -  für die neuere poli­ti­sche Phi­lo­so­phie frucht­bar gemacht hat, so Antje Voll­mer für die poli­ti­sche Arbeit selbst.

Gewür­digt wird sie „für ihre poli­ti­schen Initia­ti­ven, mit denen sie in schein­bar aus­weg­lo­sen  gesell­schaft­li­chen Kon­flik­ten Ver­stän­di­gungs­pro­zesse aus­löst“. Wie drin­gend not­wen­dig sol­che Dia­loge sind, wie müh­sam und kräf­te­zeh­rend für alle, die sie füh­ren, hat die Preis­ver­lei­hung sel­ber gezeigt: „Bei der Ver­lei­hung des Ehrenberg-Preises wur­den auch ehe­ma­lige Heim­kin­der gehört“, schrieb Bene­dikt Rei­chel in den Ruhr Nach­rich­ten: „Zu gern, zu leicht­fer­tig wird Pro­test ande­ren­orts abge­schirmt. Auch wenn sich nach einer Stunde in der Chris­tus­kir­che die Ehe­ma­li­gen Heim­kin­der, die Kir­chen und Antje Voll­mer nicht ver­söhn­lich in die Arme schlie­ßen — die­ser Abend hat im Sinne des Namens­ge­bers, im Sinne des Dia­logs, zumin­dest für den Außen­ste­hen­den einen Bruch­teil der ver­här­te­ten Fron­ten bre­chen lassen.“

» Die Begrün­dung der Fin­dungs­kom­mis­sion für die Wür­di­gung von Dr. Antje Voll­mer
» Die öffent­li­che Dis­kus­sion auf die­ser Seite [län­gere Lade­zeit wg. vie­ler Kom­men­tare]
» Diverse Medi­en­be­richte

Anstelle einer Lau­da­tio hat­ten Dr. Antje Voll­mer und Dr. Mar­got Käß­mann, Hono­rar­pro­fes­so­rin an der Ruhr-Universität, zusam­men mit dem EKD-Pressesprecher Rein­hard Mawick über das Thema „Gott und die Poli­tik“ gespro­chen: „Wege der Ver­söh­nung im öffent­li­chen Leben“.

DOKUMENTATION Hans-Ehrenberg-Preis 2011 [pdf]

Preis­trä­ge­rin 2009: Edna Brocke

Ayla Wessel | Kulturagentüer
Ayla Wes­sel | Kulturagentüer

Die Lei­te­rin der Alten Syn­agoge Essen, des Hau­ses jüdi­scher Kul­tur, wurde für die Impulse gewür­digt, die sie zur Neu­ori­en­tie­rung des deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus gegen­über dem Juden­tum und dem Staat Israel gege­ben hat. Ihre Ana­ly­sen des Ver­hält­nis­ses von Juden, Israe­lis und Deut­schen sowie ihre Kri­tik des moder­nen Anti­se­mi­tis­mus befä­hig­ten dazu, „aus dem jüdisch-christlichen Dia­log her­aus das Unter­schei­dende frucht­bar zu machen, weil die Grenze der wirk­lich frucht­bare Ort der Erkennt­nis ist.“

An der Lau­da­tio auf Dr. Edna Bro­cke betei­lig­ten sich der Geschäfts­füh­rer der Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas RUHR.2010, Dr. Fritz Pleit­gen, der Neu­tes­ta­ment­ler Dr. Klaus Wengst sowie Ehrenberg-Biograph Dr. Gün­ter Bra­kel­mann.

Das Thema ihrer Bei­träge: „ISRAEL & WIR“. Edna Bro­cke betonte die  -  nicht reli­giös oder poli­tisch,  son­dern  -  „exis­ten­zi­ell unter­schied­li­che Aus­gangs­po­si­tion“ im jüdisch-christlichen Gespräch. Fritz Pleit­gen schlug vor, eine Stadt in Israel möge Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas werden.

DOKUMENTATION Hans-Ehrenberg-Preis 2009 [pdf]

Preis­trä­ge­rin 2006: Aktion Süh­ne­zei­chen Friedensdienste

Aktion Süh­ne­zei­chen Friedensdienste

„Der Selbst­ge­rech­tig­keit und dem Hass eine Kraft ent­ge­gen­set­zen“, hieß es im Grün­dungs­auf­ruf der Aktion Süh­ne­zei­chen Frie­dens­dienste. Wenige Wochen nach dem Tod Hans Ehren­bergs gegrün­det, hat die Initia­tive — aus der Ein­sicht her­aus, dass die evan­ge­li­sche Kir­che eine Mit­ver­ant­wor­tung trägt für die Ver­bre­chen des NS-Regimes — einer euro­päi­schen Erin­ne­rung und Ver­stän­di­gung den Weg geebnet.

Die Lau­da­tio hielt in Ver­tre­tung des Bun­des­mi­nis­ters des Innern, Dr. Wolf­gang Schäu­ble, des­sen Par­la­men­ta­ri­scher Staats­se­kre­tär Peter Alt­maier, MdB. Mit ihm zusam­men dis­ku­tier­ten zum Thema „WIE WEIT REICHT EUROPA?“ MdB Lale Akgün, MdB Axel Schä­fer, Prä­ses Alfred Buß und WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz. Der Ehren­vor­sit­zende von ASF, Dr. Franz von Ham­mer­stein [†], nahm den Preis entgegen.

DOKUMENTATION Hans-Ehrenberg-Preis 2006 [pdf]

Preis­trä­ger 2004: Robert Leicht

credits | Vol­ker Wiciok

Der Jour­na­list Prof. Dr. h.c. Robert Leicht, Poli­ti­scher Kor­re­spon­dent der Ham­bur­ger Wochen­zei­tung DIE ZEIT, wurde für seine publi­zis­ti­schen Inter­ven­tio­nen aus­ge­zeich­net, mit denen er den Kern der refor­ma­to­ri­schen Lehre  -  dass die Würde des Ein­zel­nen mehr ist als die Summe sei­ner Taten und Unta­ten  -  in gesell­schafts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen aktualisiert.

Dabei mar­kiert Leicht, wo nötig, auch die Grenze des Dia­logs: „Seine Stimme war zunächst sehr ein­sam, als er sie gegen den Ver­such erhob, anti­se­mi­ti­sche Denk­mus­ter in den poli­ti­schen Wahl­kampf ein­zu­füh­ren.“ Im Herbst 2002 war Leicht der erste Leit­ar­tik­ler deutsch­spra­chi­ger Leit­me­dien gewe­sen, der die anti-jüdischen Res­sen­ti­ments des Herrn Möl­le­mann kom­pro­miss­los ver­ur­teilt hatte: „Sie las­sen sich nicht ent­schul­di­gen, sie wur­zeln tief im Den­ken und nicht bloß ober­fläch­lich im Reden.“ Die Frei­heit der Gewis­sen, so Leicht nicht zuletzt über die Frei­heit der Presse, begründe nicht die Frei­heit, das Gewis­sen zu suspendieren.

Die Lau­da­tio zum Thema „ÖFFENTLICH & FREI“ hielt die Lan­des­bi­schö­fin der Evangelisch-lutherischen Lan­des­kir­che Han­no­vers, Dr. Mar­got Käß­mann.

Der Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges, Dr. Nor­bert Lam­mert, sprach eines der Grußworte.

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Preis­trä­ger 2002: Prä­ses Man­fred Kock & Karl Kar­di­nal Lehmann

credits | Hänisch, UK

Den Hans-Ehrenberg-Preis 2002 nah­men der Vor­sit­zende der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Karl Kar­di­nal Leh­mann, und der dama­lige Vor­sit­zende des Rates der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land, Prä­ses Man­fred Kock, gemein­sam entgegen.

Aus­ge­zeich­net wur­den die obers­ten Reprä­sen­tan­ten der bei­den Kir­chen für ihre Ver­dienste um ein öku­me­ni­sches Gespräch, das einer Zukunft in Soli­da­ri­tät und welt­wei­ter Gerech­tig­keit ver­pflich­tet ist. Die Lau­da­tio zum Thema „GEMEINSAMES SOZIALWORT DER KIRCHEN hielt Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter a.D. Dr. Otto Graf Lambs­dorff [†]. Eines der Gruß­worte sprach der Minis­ter­prä­si­dent des Lan­des Nordrhein-Westfalen, Peer Stein­brück, Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der sandte sein Gruß­wort per Fax.

DOKUMENTATION Hans-Ehrenberg-Preis 2002

Preis­trä­ger 2000: Gün­ter Brakelmann

Prof. Dr. Günter Brakelmann
Foto: pri­vat

Erst­mals ver­lie­hen wurde der Hans– Ehrenberg-Preis im Jahr 2000 an Prof. Dr. Gün­ter Bra­kel­mann, des­sen Publi­ka­tio­nen das Leben und Werk Hans Ehren­bergs ver­ge­gen­wär­tigt und in ihrer Bedeu­tung für Kir­che und Gesell­schaft erschlos­sen haben.

Die Lau­da­tio hielt der Theo­lo­gi­sche Vize­prä­si­dent der Evang. Kir­che von West­fa­len, Dr. Hans-Detlef Hoff­mann. Fritz Pleit­gen, Inten­dant des WDR, mode­rierte ein Podium  -  mit NRW-Bildungsministerin Gabriele Beh­ler, dem Kul­tur­po­li­ti­ker Bar­thold C. Witte, dem men­schen­rechts­po­li­ti­schen Spre­cher der CDU im Bun­des­tag, Her­mann Gröhe sowie dem Publi­zis­ten Johano Stras­ser  -  zum Thema „PROTESTANTISMUS & POLITISCHE KULTUR“.

DOKUMENTATION Hans-Ehrenberg-Preis 2000

Hans Phil­ipp Ehren­berg (1883 – 1958)

Hans Phil­ipp Ehrenberg

Auf­ge­wach­sen in einer jüdi­schen, national-liberalen Fami­lie in Hamburg-Altona; Stu­dium der Natio­nal­öko­no­mie und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten; 1906 Pro­mo­tion über die Lage der Hüt­ten­ar­bei­ter im Ruhr­ge­biet. Zweit­stu­dium, Pro­mo­tion und Habi­li­ta­tion in Phi­lo­so­phie; ab 1910 Pri­vat­do­zent in Hei­del­berg und einer der Begrün­der der Dialog-Philosophie. In die­sen Jah­ren reift sein Ent­schluss zu kon­ver­tie­ren, im Novem­ber 1909 lässt sich Ehren­berg in Ber­lin pro­tes­tan­tisch taufen.

Kriegs­frei­wil­li­ger und Fron­t­of­fi­zier im Ers­ten Welt­krieg, ab 1916 zuneh­mende Dis­tanz zur mili­tä­ri­schen Logik. Ehren­berg wird zum poli­ti­schen Publi­zis­ten, in 13 Leit­ar­ti­keln der renom­mier­ten VOSSISCHEN ZEITUNG rech­net er ab mit dem „all­deut­schen Sys­tem“, jener aggres­si­ven Hege­mo­ni­al­po­li­tik des Deut­schen Rei­ches, mit der Europa zur deut­schen Kolo­nie wer­den sollte: Monate vor Kriegs­ende, im März 1918, nennt er die „poli­ti­sche Bar­ba­rei“ beim Namen und plä­diert für eine „welt­po­li­ti­sche Bünd­nis­den­kart“. Im Okto­ber 1918 ver­langt er ein „kla­res Ein­ge­ständ­nis des­sen, dass wir alle schul­dig sind“, weil „ver­blen­det von der Illu­sion des Sie­ges und zu feige zur Wahrheit“.

Noch vor der November-Revolution 1918 tritt er — ein für Hoch­schul­leh­rer spek­ta­ku­lä­rer Schritt — der SPD bei und wird Stadt­ver­ord­ne­ter in Hei­del­berg. Zusam­men mit Karl Barth, des­sen „Tam­ba­cher Vor­trag“ er ver­legt, enga­giert sich Ehren­berg in der religiös-sozialistischen Bewe­gung und wird, wie er spä­ter schrieb, „mit einem oder zwei Trop­fen ‚Welt­re­vo­lu­tion‘ ein­ge­rie­ben“, etwas, das „wir nicht los wer­den kön­nen, auch um der Kir­che selbst wil­len nicht.“

Im Dezem­ber 1919 schreibt Ehren­berg über den obers­ten Mili­tär­stra­te­gen des deut­schen Krie­ges, Erich Luden­dorff und des­sen „voll­kom­men kalte und unmensch­li­che Denk­weise, seine leere und rohe Geis­tes­art, seine See­len­lo­sig­keit: Die­ser Mann war nicht ein­mal ein gro­ßer Feld­herr.“ Jahre spä­ter, im Februar 1937, steht die­ser Arti­kel im Zen­trum der Hetz­jagd auf Hans Ehrenberg.

Stu­dium der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie von 1922 bis 1924. Am 27. Sep­tem­ber 1925 wird Ehren­berg in der Chris­tus­kir­che Bochum in sein Pfarr­amt ein­ge­führt. „Für sein hie­si­ges Wir­ken“, berich­tet die Presse, „stellte Pfar­rer Ehren­berg zwei him­mel­ra­gende Sym­bole die­ser Stadt in einer packen­den Betrach­tung neben­ein­an­der, Kir­che und Schornstein.“

Die rechts­na­tio­nale Szene aber nimmt den „jüdi­schen Pfar­rer“ sofort ins Visier. Lako­nisch Ehren­bergs Erinnerung:

„In Bochum dachte ich, ohne Anti­se­mi­tis­mus aus­zu­kom­men, aber das kam anders.“

Er setzt sich zur Wehr, hält Vor­träge, publi­ziert, pre­digt, mie­tet Gast­stät­ten in Arbei­ter­vier­teln an und lädt zu öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen. Der Mär­ki­sche Spre­cher nennt ihn den „uner­müd­li­chen Befruch­ter geis­ti­gen Lebens in unse­rer Stadt“.

Im Ruhreisen-Streit von 1928, dem größ­ten Sozi­al­kon­flikt des Ruhr­ge­biets, for­dert Ehren­berg von sei­ner Kir­che, „dass sie, die zum Welt­krieg nicht geschwie­gen hat, zu dem noch ver­derb­li­che­ren Wirt­schafts­kriege redet“. Ehren­berg plä­diert für eine „Kir­che der Armen, Ver­folg­ten und Ent­rech­te­ten, die Kir­che des Pro­le­ta­ri­ers“. Erst diese „gekreu­zigte Kir­che“ sei die „evan­ge­li­sche ‚Öffentlichkeitskirche‘“.

Seine eigene publi­zis­ti­sche Arbeit stellt er, in der End­phase der Repu­blik, in den Dienst sei­ner poli­ti­schen Theo­lo­gie: „Es ist das pro­phe­ti­sche Amt der Kir­che, das die Öffent­lich­keits­kir­che unter­baut“, schreibt er im Mai 1930 in der FRANKFURTER ZEITUNG. In der öffent­li­chen Ver­ant­wor­tung der Chris­ten sieht er die ein­zige inhalt­li­che und stra­te­gi­sche Alter­na­tive zum tota­li­tä­ren Sys­tem. Er sel­ber steht bereits seit 1927 im schar­fen Kon­flikt mit der NSDAP, die ihre Hoch­burg in der Bochu­mer Innen­stadt hat.

Über den Vita­lis­mus die­ser völ­ki­schen Bewe­gung, ihren unbe­ding­ten Ver­nich­tungs­wil­len, macht er sich keine Illu­sio­nen, wohl aber über seine Kir­che. Am 4. Juni 1933 ver­öf­fent­licht Ehren­berg — mit­ten in der „Gau­haupt­stadt“ Bochum — das Bochu­mer Bekennt­nis, kurz dar­auf ver­liert er sein Hei­del­ber­ger Lehr­amt. Im Sep­tem­ber 1935 wird ihm die Staats­bür­ger­schaft ent­zo­gen, seine Ehe mit Else Zim­mer­mann wird als „Ras­sen­schande“ gebrand­markt, im Sep­tem­ber 1938 erhält er ein „tota­les Pre­digt– und Rede­ver­bot“, und was ihm an Schutz­raum noch bleibt, ist seine Kir­che. Der Teil der Kir­che, der gegen „Deut­sche Chris­ten“ kämpft.

Im März 1937 aber hält es die obere Kir­chen­be­hörde für „u.U. nicht aus­ge­schlos­sen“, dass „in unse­rer Kir­che über­haupt kein Raum mehr bleibt“ für Ehren­berg, ihren juden­christ­li­chen Pfar­rer. Wenige Tage vor­her hatte die Gau­lei­tung der Nazis der Kir­chen­lei­tung mit­ge­teilt, „der Jude Ehren­berg“ habe im Dezem­ber 1919 die „Heer­füh­rer“ Hin­den­burg und Luden­dorff „in einer Weise ver­un­glimpft, wie es eben nur ein Fremd­stäm­mi­ger tun kann.“ Die Kir­chen­lei­tung wird auf­ge­for­dert, „die Ent­fer­nung des Genann­ten in die Wege zu leiten.“

Wäh­rend die Nazi-Presse wei­ter gegen den „gott­lo­ben­den Mar­xis­ten“ und seine „jüdi­sche Kniff­lig­keit“ hetzt, mit der er „deut­sche Kin­der“ in „sexu­el­len Din­gen“ unter­richte, wird Ehren­berg im Mai 1937 in den Ruhe­stand ver­setzt — „in ana­lo­ger Anwen­dung des § 4 der ers­ten Ver­ord­nung zum Reichsbürgergesetz“.

„Ana­loge Anwen­dung“ heißt: Die Kir­chen­lei­tung über­nimmt das ras­sis­ti­sche Recht des Staa­tes; Ehren­berg wird geschasst, weil er „Rasse-Jude“ sei. Bei sei­nen drei Abschieds­got­tes­diens­ten drän­gen sich Tau­sende Gemein­de­glie­der in der Pau­lus– und der Chris­tus­kir­che — eine große und letzte Demons­tra­tion der Beken­nen­den Kir­che in Bochum. Im Novem­ber­po­grom 1938 wird Ehren­bergs Haus in der Goe­the­s­traße ver­wüs­tet, er sel­ber ins KZ Sach­sen­hau­sen ver­schleppt und mona­te­lang gefol­tert — als Jude, als Pfar­rer, als Sozialdemokrat.

Dank der Inter­ven­tio­nen sei­ner Frau und des Bischofs von Chi­ches­ter, George Bell, kön­nen Ehren­berg und seine Fami­lie 1939 nach Eng­land emi­grie­ren. Ehren­berg publi­ziert wei­ter gegen die Nazis an („Was ist Hit­ler?“) und radi­ka­li­siert das Gegen­über. 1943 schreibt er:

„Die Ein­heit der Welt ist ver­lo­ren gegan­gen, wir sind zwei Mensch­hei­ten geworden.“

Aber selbst jetzt noch hält er fest an dem Glau­ben, dass auch der Mensch, der eine neue Mensch­heit schaf­fen und sich zum Gegen­spie­ler Got­tes machen will, das Geschöpf Got­tes bleibt. Daher diese Hoff­nung, die fast schon escha­to­lo­gisch ist, euro­pä­isch und übergroß,

„dass wir sogar glau­ben kön­nen, es werde der Tag kom­men, an dem die See­stre­cke London-Hamburg wie­der befah­ren wird. Ich weiß es nicht. Viel­leicht ist es zu viel, dies zu erhoffen.“

1947 kehrt Ehren­berg in die Bun­des­re­pu­blik zurück, arbei­tet als Pfar­rer für Erwach­se­nen­bil­dung in Bie­le­feld und zieht 1953 nach Hei­del­berg, wo er 1958 ver­stirbt. „Es brauchte lange, viel zu lange“, so Hans-Detlef Hoff­mann, Theo­lo­gi­scher Vize­prä­si­dent von Ehren­bergs Lan­des­kir­che, „bis sich die Erkennt­nis Bahn brach, was das Glau­bens– und Lebens­zeug­nis und die wis­sen­schaft­li­che Lebens­leis­tung des Hans Ehren­berg nicht nur für die Kir­che in West­fa­len, son­dern für den Pro­tes­tan­tis­mus über­haupt bedeutet.“

Mit­glie­der der Fin­dungs­kom­mis­sion des Hans-Ehrenberg-Preises

Super­in­ten­dent Peter Scheff­ler und Pfar­re­rin Manuela Theile für den Kreis­syn­odal­vor­stand; der Theo­lo­gi­sche Vize­prä­si­dent Albert Henz für die Evan­ge­li­sche Kir­che von West­fa­len; Prof. Dr. Trau­gott Jähni­chen für die Evangelisch-Theologische Fakul­tät der Ruhr-Universität Bochum und die Hans-Ehrenberg-Gesellschaft; Pfar­rer Arno Loh­mann für die Stadt­aka­de­mie Bochum und Pfar­rer Tho­mas Wes­sel für die Chris­tus­kir­che Bochum.