Tag der Befreiung

27. Januar: Befreiung von Auschwitz | Tag des Gedenkens an die Ermordeten, die Widerständigen, die Überlebenden

Coco Schumann am 27. Januar 2002, Tag der Befreiung von Auschwitz, in der Christuskirche

Coco Schumann [1924 – 2018] bei seinem Konzert in der Christuskirche | lichtblick-fotos.de

Im September 1941 gelingt es Pessia Aranowitsch, aus Ponar zu entkommen, einer parkähnlichen Landschaft südlich von Wilna, hier massenmorden deutsche Kommandos. Schwerverletzt berichtet sie ihrem Arzt, dass Ponar kein Erholungspark sei, sondern ein Massengrab:

“Sie bringen sie alle um, alle Juden.”

Darauf Dr. Ginsberg:

“Alle Juden? Aber ich bitte Sie, das ist doch nicht möglich, warum sollten sie alle Juden umbringen?”

Diese Reaktion erlebt, wer überlebt hat, sein Leben lang, schrieb Primo Levi nach seiner Befreiung, es ist ein wiederkehrender Albtraum: dass niemand hört, was berichtet wird, dass niemand den Zeugen glaubt. Warum auch sollten alle umgebracht haben, alle Juden, alle Sinti, alle Roma?

Warum? Die Frage erschüttert bis heute eine Gewissheit, die jedem Tun und Denken zugrunde liegt: die Gewissheit, dass sich Interessen ausmachen lassen, irgendeine Zweckmäßigkeit, ein noch so erbärmliches Motiv. Es gibt das alles nicht, es gibt keine Ratio in diesem Morden. Zwar lässt sich beschreiben, wie das System der Vernichtung funktioniert hat, der Zivilisationsbruch lässt sich damit nicht kitten. Wie eine Welt begreifen, in der es normal war zu morden und blinder Zufall, wenn Einzelne überlebten?

Und doch hat es hat diese Welt gegeben, deshalb hat sich Erinnerung verändert. Ihr Nostalgiefaktor trügt, Erinnerung ist das, was so noch nie zu fürchten war. Unerträglich der Versuch, dem unerträglich sinnlosen Leiden sich einzufühlen. Was Millionen von Menschen erfuhren, bleibt der Erfahrung heute versperrt. Und doch wäre diese Distanz zu überwinden, wenn anders Auschwitz zum Mysterium würde und die Erfahrung der Opfer im Off der Geschichte entsorgt. So unmöglich es ist, sich zu erinnern, als sei es das eigene Erleben, so notwendig ist der Versuch, sich einer Erinnerung wenigstens anzunähern.

Chronologie 2018 – 2001

2018  |  CHRIS HOPKINS’ GYPSY SWING & ART TONE TRIO
“Wir müssen uns um die Stimmung in unserer Stadt kümmern”. Bochums Kultur gegen antisemitischen Hass

2017  |  TEREM QUARTET
Der stille Völkermord: Leningrad

2016  |  SIMONE VEIL 
[Absage wg. Erkrankung]

2015  |  GIORA FEIDMAN
“Eine Stimme geben denen, die überlebt haben”

2014  |  THEODOR MICHAEL
“Deutsch sein und schwarz dazu”

2013  |  GYÖRGY KONRÁD
“Glück – elutazás és hazatérés”

2012  |  JUDITH KERR
[Absage wg. Erkrankung]

2011  |  KROKE | KOSMOPOLEN
Verfolgung und Widerstand der Polen

2010  |  MARIANNE UND PETRA ROSENBERG
Verfolgung und Widerstand der Sinti und Roma

2009  |  MARCEL REICH-RANICKI
[Absage wg. Erkrankung]

2008  |  ROMA LIGOCKA
“Das Mädchen im roten Mantel”

2007  |  ELLA MILCH-SHERIFF
“Ist der Himmel leer?”

2006  |  MENSCHENSINFONIEORCHESTER
“Schwarzer Winkel: Verfolgung von ‘Asozialen'”

2005  |  SCHÖNBERG – MAHLER – WEILL
“Verfemte Musik”

2004  |  MICHAEL DEGEN
“Nicht alle waren Mörder”

2003  |  BENTE KAHAN
“Home – Jüdische Lieder Europas”

2002  |  COCO SCHUMANN
“Der Ghetto-Swinger”

2001  |  GIORA FEIDMAN
“Dance of Joy?”

Bochums Kultur gegen antisemitischen Hass | 2018

Chris Hopkins, Joscho Stephan, Christian Ramond by Sabine Michalak

Der Tag der Befreiung steht stellvertretend für Hunderte Tage, an denen Tausende Lager befreit worden sind, Ghettos und Folterkeller gab es überall in Europa. Und überall in Europa bricht heute, ein Menschenleben später, der Hass neu auf. Der Hass auf Juden, auf Sinti und Roma, auf alle, deren „Existenzrecht“ auch mal in Frage gestellt wird, so wie man es mit dem der Israelis tut. Die öffentliche Stimmung verändert sich, Ende 2017 hat die Jüdische Gemeinde Bochum ihren Mitgliedern geraten, auf den Straßen dieser Stadt keine Kippa mehr zu tragen. „Das habe wir uns nicht vorstellen können, dass es in Bochum dahin kommt. Wenn wir das akzeptierten, gäben wir uns selber auf.“ Aus der Bestürzung Einzelner wurde ein Abend vor vollem Haus, das Statement einer Stadt. Mit Chris Hopkins und Esther Münch, Joscho Stephan und Janet Boram Lee, Thomas Anzenhofer und Louisa Spahn, Thomas Eiskirch und Gerald Hagmann, Ursula Hrdinova und 850 Bochumerinnen und Bochumern.  –  Der Abend selber war als Hommage an Coco Schumann angelegt, er wurde zum Tag, an dem Coco starb. Zichrono livracha, möge sein Gedenken ein Segen werden.
 

Terem Quartet | 2017

Terem Quartet, St. Petersburg

Sankt Petersburg ist so groß wie das Ruhrgebiet  —  ist es vorstellbar, eine Millionenstadt „vom Erdboden verschwinden zu lassen“? Eben dieser Befehl ergeht im Dezember 1940, deutsche Militärs entwickeln eine Idee: Könnte man Leningrad nicht abriegeln wie ein KZ, dann die Lagerhäuser zerstören, dann die Energie- und Wasserwerke, dann abwarten? 900 Tage hat gedauert, was heute zur „Blockade“ verniedlicht wird: Die „Blockade von Leningrad“ war ein Genozid, die Stadt sollte nicht zur Aufgabe genötigt, sie sollte ausgehungert werden. Weit über eine Million Menschen wurden ermordet. Das Terem Quartet aus St. Petersburg  —  das berühmteste Folk-Quartet Russlands  —  erinnert ein unermessliches Leid. Ist diese Erinnerung eine gemeinsame, eine europäische?  //  Wegen Erkrankung eines Mitglieds des Ensembles musste das Konzert zwei Tage vorab abgesagt werden.

 

Giora Feidman | 2015

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Giora Feidman in der Christuskirche | Foto Sabine Michalak

Dass die Ermordung der Juden Europas gestoppt werden konnte, ist ein Menschenleben her. Die Zeitzeugen sterben  –  im selben Moment bricht in Europa ein neuer Antisemitismus auf. Bei den Terroranschlägen in Paris waren sechs der Opfer Juden. “Es ist eine Frage der aktuellen Politik geworden, ob wir die Erinnerung bewahren oder nicht”, sagte Superintendent Peter Scheffler zur Eröffnung:

“Früher haben die Bergleute, wenn sie einfuhren, Kanarienvögel mitgenommen. Kanarienvögel reagieren sensibel auf giftige Gase, sie sterben als erste, bevor alle anderen sterben. ‘Wir Juden sind die Kanarienvögel der Gesellschaft’, sagte jetzt René Bouzier, der in Paris lebt. ‘Wenn wir angegriffen werden, ist es ein Zeichen dafür: Die ganze Gesellschaft ist in Gefahr.’  –  Ja, das ist so. Wir sind in Gefahr. Deshalb erinnern wir uns. Dass die Ermordung der Juden Europas gestoppt werden konnte, ist nur ein Menschenleben her.”

Vor 15 Jahren hatte Giora Feidman die Reihe “Zum Tag der Befreiung” eröffnet, zum 70. Jahrestag der Befreiung spielt er, fast 80-jährig, erneut, sein Spiel ist “kunstvoll, lyrisch und beseelt in den feinsten Nuancen”, so die WAZ. Feidmans Klarinette erinnert das Lachen derer, die nicht mehr lachen kön­nen, ihr Wei­nen, ihre Freude, die Klage, die Stille.

 

 Theodor Michael | 2014

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Theodor Michael by Ayla Wessel | Kulturagentüer

Als die Nazis 1935 ihr “Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes” erlassen, ist Theodor Michael 10 Jahre alt. Sein Vater stammt aus Kamerun, der ehemals deutschen Kolonie, seine Mutter aus dem preußischen Posen, plötzlich gilt der Berliner als “artfremd”. Seine Geschwister schaffen es, aus Nazi-Deutschland raus zu kommen, er selber bleibt, auf sich allein gestellt, in Berlin zurück. Ohne Pass, ohne Ausbildung und ohne Chance unterzutauchen:

“Wohin hätte ich schon flüchten können mit meinem Gesicht?”

Er tritt die Flucht nach vorne an und spielt als Komparse in Ufa-Filmen mit, in denen sich Nazis als “Herrenvolk” inszenieren. 1943 wird er zur Zwangsarbeit in ein “Fremdarbeiter-Lager” eingewiesen  –  als einziger Deutscher unter den vielen Europäern:

“Ich passte wieder einmal nirgendwohin. Für Leute wie mich hatten nicht einmal die Nazis eine Schublade.”

Theodor Michael überlebt die Zwangsarbeit, die Willkür, den Hunger  –  und macht, kaum befreit, die bittere Erfahrung: Die Nazis sind weg, ihr Rassismus ist geblieben. Er kämpft sich durch, studiert, etabliert sich als Journalist und wird schließlich von “meinem schwierigen Mutterland” in seinen Dienst berufen  –  “als erster schwarzer Bundesbeamter im höheren Dienst”.

Ein deutsches Jahrhundert. Erst jetzt hat der Elder Statesman der afrodeutschen Szene, 89 Jahre alt, seine Geschichte erzählt: “Deutsch sein und schwarz dazu”.

>> Hintergrund 1: “Hagenbecks Traum”
>> Hintergrund 2: “Fabris Hoffnungsbild”
>> Hintergrund 3: “Carl Peters Wünsche”

György Konrád | 2013

 

Europa heißt, sich einzufühlen in den, der man nicht ist: György Konrád während seiner Lesung zum Tag der Befreiung

György Konrád während seiner Lesung zum Tag der Befreiung

Ein gro­ßer Schrift­stel­ler, ein gro­ßer Euro­päer: György Kon­rád, 1933 in Beret­tyóúj­falu im östli­chen Ungarn gebo­ren, war Prä­si­dent des Inter­na­tio­na­len P.E.N. und Prä­si­dent der Aka­de­mie der Künste, hat inter­na­tio­nal höchste Ehrun­gen erhal­ten, dar­un­ter den Frie­dens­preis des Deut­schen Buch­han­dels, den Karls­preis, den Orden der fran­zö­si­schen Ehren­le­gion. Seit 69 Jah­ren hätte Kon­rád ermor­det sein sollen.

Im März 1944  –  die Deut­schen hatten Ungarn besetz­t, inner­halb weni­ger Wochen wurden Hunderttausende Juden depor­tier­t, jedes dritte in Ausch­witz ermor­dete Opfer stammte aus Ungarn  –  im März 1944 taucht der 11jährige György zusam­men mit sei­ner Schwes­ter in Buda­pest unter. Dass sie über­lebt haben, ver­dan­ken sie ihrem Mut und Men­schen wie seiner Tante Zsófi oder dem Schweizer Diplomaten Carl Lutz, der fingierte Pässe aus­stellt: Eine die­ser gestem­pel­ten Phan­ta­sien schützt Kon­rád davor, deportiert und ver­gast zu werden. Auschwitz, schreibt er 65 Jahre spä­ter, sei „wich­tigs­ter Ori­en­tie­rungs­punkt mei­nes Denkens“.

>> Über György Konrád
>> “Europa ist ein Roman”
>> “Wenn das Leben heilig ist”
>> “Ein europäisches Gefühl” | Review 1
>> “Ein europäisches Verstummen” | Review 2

 

Kroke: Nadejda dobre Czasy | 2011

 

Tomasz Kukurba von Kroke am Tag der Befreiung 2011 in der Christuskirche

Kroke bei ihrem Konzert in der Christuskirche | Foto Christoph Giese

“Es kommen gute Tage, sicher kommen sie. / Der Frieden wird Früchte tragen / Die Leute in Auschwitz werden nicht glauben / Den schrecklichen Worten meiner Gedichte.”

So schloss der Abend, mit einer langen Stille nach Kazimierz Dabrowskis Gedicht Nadejda dobre Czasy. Eingeladen hatten wir zusammen mit den Kosmopolen, Emanuela Danielewicz hatte das Programm kuratiert: Krokes bildhafte Musik unterbrochen mit Werken von Charlotte Delbo [1913 -1985], Denise Rioual [Lebenszeit unbekannt], Krystyna Zywulska [Auschwitz 1944], Anne Marie Fabian [1920 – 1993] und Kazimierz Dabrowski [Auschwitz 1944]. Das Abendprogramm:

Mehr als sechs Millionen polnischer Bürger wurden ermordet, drei Millionen von ihnen waren Juden. Weit über eine Million Polen wurde zur Zwangsarbeit verschleppt, viele von ihnen ins Ruhrgebiet. Vier Vernichtungslager wurden in Polen errichtet, vier Konzentrationslager, 1798 Arbeitslager: Kein anderes Land wurde derart von Deutschen heimgesucht wie Polen.

Am 19. April 1943, dem Vorabend des Passah-Festes, begann der Aufstand gegen die Barbarei, er begann mit dem Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto. Im August folgte der Aufstand im Vernichtungslager Treblinka, im Oktober der Aufstand im Vernichtungslager Sobibor. Der Warschauer Aufstand begann im August des folgenden Jahres und im Oktober der Aufstand in Auschwitz selbst. In mehr als 100 Lagern und Ghettos hat es Aufstände gegeben, überall in Europa haben Partisanen gekämpft.

Marek Edelman, der 2009 verstorbene Kommandeur des Aufstands im Warschauer Ghetto: “Was hier begonnen hat, war der Anfang von dem, was in den Ruinen von Berlin geendet hat.”

DANK AN Emanuela Danielewicz, Joanna Stanecka und Frank Wickermann [Lesungen], Polnisches Institut Düsseldorf und Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit / Projekt wspierany przez Fundacje Wspolpracy Polsko Niemieckiej.

Marianne Rosenberg, Petra Rosenberg, Ferenc Snétberger | 2010

 

Marianne Rosenberg

CHoppe | ListVerlag

Für Petra und Marianne Rosenberg war es ein schwerer Abend, überschwer. Auch für Ferenc Snétberger. Wie erzählen, was es bedeutet, wenn von der eigenen Familie 51 Mitglieder ermordet worden sind? Es lindert keinen Schmerz, den eigenen Schmerz öffentlich zu machen. Dennoch hatten wir sie gebeten, den Tag der Befreiung öffentlich zu begehen. Wer anders als sie könnte berichten? Wer wenn nicht wir sollte hören?

Sie wollten kein Honorar und nicht, dass jemand Eintritt zahle. Anstelle eines Vorverkaufs hatten 800 Zuhörer darum gebeten, zuhören zu können und daraufhin einen Brief von uns bekommen:

“Wir waren seit jeher, solange ich denken kann und nach allem, was mir erzählt worden ist, deutsche Sinti.” Otto Rosenberg wurde 1927 in Ostpreußen geboren und wuchs in Berlin auf. “Wir waren nicht reich, wir hatten das Nötige, wir haben in Frieden gelebt.” Und dann eines morgens, “es kann früh um vier, fünf Uhr gewesen sein, wurden wir durch SA und Polizei aufgeschreckt: ‘Los, anziehen! Schnell, schnell!’ Ich war gerade neun Jahre alt geworden.”

Familie Rosenberg wird in Marzahn in ein Lager gesperrt, Tausende werden von hier aus in die KZ verschleppt. Kurz vor seinem 16. Geburtstag sitzt auch Otto Rosenberg in einem Zug voller Kinder, “fein gekleidet, mit Stullentäschchen und Mappen. Sinti-Kinder, Roma-Kinder, ich weiß es nicht. Süße Gesichter, alle so sechs, acht Jahre alt, der ganze Waggon war voll. So kam ich in Auschwitz an.”

Otto Rosenberg hat Auschwitz überlebt, Buchenwald, Dora, Bergen-Belsen. Bis zu seinem Tod 2001 kämpfte err für die Rechte der Sinti und Roma, ihre Anerkennung als Verfolgte des NS-Regimes. Heute ist Petra, seine älteste Tochter, Vorsitzende des von ihm gegründeten Landesverbandes deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg:

“Die überlebt haben, sind durch ihre traumatischen Erfahrungen so nachhaltig geschädigt worden, dass ihr Vertrauen in die bundesrepublikanische Gesellschaft gestört ist. Aber auch das Bewusstsein der zweiten und dritten Generation ist von der Erfahrung geprägt, Teil einer Minderheit zu sein, die von der völligen Vernichtung bedroht war und immer noch in hohem Maße unter Diskriminierung zu leiden hat.”

Marianne Rosenberg verkörpert wie kaum eine andere Sängerin die Entwicklung des deutschen Pop. Seit drei Jahrzehnten kennt man ihre Lieder, über ihr Leben ist wenig bekannt: “Mein Weg erschließt sich aus der Geschichte unserer Familie”, schreibt sie in ihrer Autobiographie Kokolores. “Die Schicksale derer, die nicht überlebt hatten, begleiteten uns.”

“Sing’ mit dem Herzen”, hatte ihr der Vater gesagt. Es wird ein sehr persönlicher Abend werden, an dem Marianne Rosenberg und Petra Rosenberg ihren Vater erinnern. Er hat den Tag seiner Befreiung erlebt, 500 000 Sinti und Roma wurden in der Nazi-Diktatur ermordet. Ihnen hat Ferenc Snétberger ein Concerto für Gitarre und Orchester gewidmet, In Memory For My People wurde 2007 im Haus der Vereinten Nationen in New York uraufgeführt. Snétberger zählt zu den Großen seines Fachs, ein Weltbürger der Musik, er wird auf der Gitarre improvisieren und Marianne Rosenberg bei ihren Chansons begleiten.

Gemeinsam luden Marianne Rosenberg, Petra Rosenberg und Ferenc Snétberger ein, “uns eine gemeinsame Erinnerung zu schaffen”.

Roma Ligocka: Das Mädchen im roten Mantel | 2008

 

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Roma_Ligocka in der Christuskirche | Jessica_Buschmann, WAZ

„Wer nicht gehorcht, wird getötet.“ Zwei Jahre ist Roma alt, als sie von den Deutschen ins Krakauer Ghetto gesperrt wird. „So klein, dass ich den Männern mit den schwarzen Stiefeln ungefähr bis ans Knie gehe.“ Ihre Großmutter hatte ihr einen roten Mantel genäht, darin wandelt sie wie eine Erscheinung „zwischen den schwarzen Stiefeln hindurch“  –  ein Bild, an das sich Überlebende des Krakauer Ghettos erinnert haben, Steven Spielberg formt das Bild zu einem zentralen Motiv in „Schindlers Liste“: In dem sw-Film taucht der rote Mantel als einziges Farb-Moment auf.

Anders aber als im Spielberg-Film hat das Mädchen im roten Mantel überlebt. Roma Ligocka hat uns ihre Geschichte erzählt  –  eine wunderbare Frau mit der Fähigkeit, das Entsetzliche zu erinnern, indem sie Wärme in die Erinnerung legt, ihren Charme und ihre ganze Schönheit.

>> Nachbericht “Die kleine Erdbeere” ROMA LIGOCKA_WAZ [pdf]

Ella Milch-Sheriff: Ist der Himmel so leer? | 2007

 

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Ella-Milch-Sheriff

„125 Zentimeter. So hoch und so breit war das Erdloch, das der Arzt Baruch Milch im Sommer 1942 grub. 125 Zentimeter, in die er hinab stieg, um darin zusammen mit seiner Frau und der Familie seines Schwagers zu leben. 125 Zentimeter lang waren auch die Karabiner, mit der die deutschen Besatzer oben, im Tageslicht, Europa um- und umgepflügt haben. 125 Zentimeter – so hoch wie der Korpus des Cellos, das Sie hier sehen … Erinnerung hat ihr Maß am Unmaß der Trauer, am unermesslich sinnlosen Leiden, sie hat ihr Maß am Maßlosen, an 125 Zentimetern.“

Ein Zitat aus der Eröffnung des Abends, die israelische Komponistin und Sängerin war anwesend war: Nach dem kürzlichen Tod ihres Vaters hatte sie eher zufällig erfahren, dass seine erste Familie – seine Frau Luisa und sein dreijähriger Sohn – von den Deutschen ermordet worden war und er selber jahrelang in einem Erdloch überleben musste. Seine Tochter, 1954 in Haifa geboren, komponiert 2003 auf Basis des Tagebuchs ihres Vaters die Kantate “Ist der Himmel leer?” für Mezzosopran, Sprecher und Kammerorchester unter Verwendung von Teilen des Gedichts „Engführung“ von Paul Celan, aufgeführt von den Bochumer Symphonikern unter Leitung von Harry Curtis.

>> Weitere Informationen hier ueber ella-milch-sheriff [pdf]

Menschensinfonieorchester | 2006

 

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Menschensinfonieorchester | Foto R. Manzi

„Der Angeklagte spielt Mundharmonika und singt gewerbsmäßig auf öffentlichen Straßen.“ Im Juni 1940 wurde der 59-jährige Ernst Rutzen wegen „Bettelei, Landstreicherei und grobem Unfug“ ins KZ verschleppt. Wie ihm erging es mehr als 10.000 Wohnungslosen. Polizeichef Heinrich Himmler: “Jeder Bettler, der arbeitsscheu ist, ist sofort einem Konzentrationslager zuzuführen.“

Im Februar 1995 erschlugen sieben Neonazis in Velbert den 65jährigen Horst Pulter, er schlief auf einer Bank im Stadtpark. Seit 1990 erging es zahlreichen Wohnungslosen wie ihm. “Penner klatschen“ nennen es die Neonazis.

Im Januar 2001 gründet der Jazzmusiker Alessandro Palmitessa in Köln das Menschensinfonieorchester. Ein sonderbares, ein wunderbares Ensemble: 16 Mitglieder, die einen sesshaft, die anderen nicht. Ein Gitarrist aus Wattenscheid, ein Bassist aus Zürich, ein Trommler aus dem Iran. Eine Gitarre aus dem Müll, eine zerbeulte Posaune und ein Bass, der aus einer Teekiste, einem Besenstiel und einer Wäscheleine besteht. Weltmusik der Straße von Menschen, die auf der Straße leben.

Am Abend vor dem Konzert referiert Wolfgang Ayaß über “Die Fürsorge der Nazis”, nämlich die Verfolgung der „Asozialen“ und „Arbeitsscheuen“, wie es im Nazi-Jargon lautet: „Nicht mehr das bedürftige Individuum stand im Mittelpunkt der Fürsorgepolitik, sondern die zu stärkende Volksgemeinschaft. Ziel war nicht die Integration der Unangepassten und Abweichenden, sondern deren Ausgrenzung und ‚Ausmerzung‘.“

 

Schönberg Mahler Weill | 2005

Egon Schiele: Arnold Schönberg. Bildnis des Komponisten, 1917 [Auszug]

Seine 2. Sinfonie begann Kurt Weill im Januar 19433 im Angesicht des aufhaltsamen Aufstiegs der Nazi-Barbarei. Wenige Wochen später musste er aus Deutschland fliehen, seine Musik wurde verboten, seine Notenpapiere verbrannt. Die “deutsche Musik”, erklärte Reichskulturminister Goebbels, müsse “gesäubert” werden. Selbst die Werke bereits verstorbener Künstler wie Gustav Mahler wurden aus den Spielplänen gestrichen. “Weggefegt”, wie Goebbels sich ausdrückte.

Kurt Weill, Arnold Schönberg, Gustav Mahler: So unterschiedlich ihre Werke sind, gemeinsam war ihnen in der Tat eine neue musikalische Sprache, das, was Schönberg die “Freiheit des Ausdrucks” nannte. Freier Ausdruck galt als “undeutsch”, im Mai 1938 erklärte Goebbels den Vollzug: “Das deutsche musikalische Leben ist endgültig gesäubert.”

Als “Säuberungsaktion” haben die Nazis später auch den Mord an Millionen europäischer Bürger bezeichnet, Künstler und Komponisten wie Viktor Ullmann, Hans Krása und Pavel Haas wurden in Auschwitz ermordet.

Der Abend eröffnete mit Schönbergs “Friede auf Erden”, dann die “Kindertotenlieder” von Mahler, schließlich die 2. Sinfonie von Kurt Weill, dargeboten von der Altistin Edna Prochnik aus Tel Aviv, Mitgliedern der Bochumer Symphoniker unter Leitung von Arno Hartmann, im szenischen Dialog mit Lesungen von OB Dr. Ottilie Scholz, Superintendent Fred Sobiech, Propst Hermann-Josef Bittern sowie dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Gregorij Rabinovich.

Michael Degen | 2004

Michael Degen by Erika Fernschild

In Nazi-Deutschland unterzutauchen, gelang nur Wenigen, im Untergrund zu überleben, den Allerwenigsten. Ihr größtes Risiko: die Denunziation. “Ich fürchte die Menschen mehr als die Bomben”, heißt es im Tagebuch von Erna Becker, die in Berlin untergetaucht war wie Michael Degen.

Degen selber war die Flucht gelungen, als er, 11 Jahre alt, deportiert werden sollte. Seinen Vater hatten die Nazis ermordet, er und seine Mutter Anna überlebten, versteckt von Freunden und von Fremden. “Leitfiguren der Menschlichkeit”, nennt Degen sie, “ganz normale Menschen”.

Zwei Jahre lang retteten sich Mutter und Sohn von Tag zu Tag, überstanden Ausweiskontrollen, überlebten den Bombenhagel. Während die anderen in ihre Luftschutzkeller flohen, saßen sie im vierten Stockwerk fest “und wären bei jedem Treffer dran gewesen”:

“Dann krachte es wieder. Der ganze Ku´damm schien zu wackeln. Ein paar Blockwarte rannten wie aufgescheuchtes Geflügel herum. Wir standen ganz allein und schauten. Es krachte, knisterte, ballerte, und wir sahen zu, ohne Angst, mit einer ganz tiefen Befriedigung.”

Die sich übertragen hat auf uns, die ihm zuhörten. Was für ein Hören, Degen ist ein Mensch  –  man muss es altmodisch formulieren  –  voller Güte. Er macht, indem er erzählt, den Unterschied klar, auf den es ankommt: dass der Einzelne wichtiger ist als ein Ganzes. Das hatten die Wenigen, die ihr Leben riskierten, um seines zu retten, begriffen: Märtchen, Oma Teuber, Karl Hotze, Erna Niehoff, “ganz normale Menschen”.